Man könnte erleichtert sein, hätte man sich den Optimismus mit Blick auf Russland und die Ukraine nicht längst abgewöhnt. Die Konfliktparteien beteuern, sich an eine Feuerpause halten zu wollen, sie reden zumindest indirekt miteinander und vor allem über den Friedensplan des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Der russische Föderationsrat hat auf Empfehlung Wladimir Putins seine seit März bestehende Vollmacht für einen möglichen Einmarsch der Armee in das Nachbarland an diesem Mittwoch zurückgenommen – als "positives Signal an unsere westlichen Partner", wie der Vizevorsitzende Iljas Umachanow erklärte.

Wenn Putin aber ausdrücklich davor warnt, seinen Vorstoß als nachlassendes Engagement Russlands in dem Konflikt zu deuten, wenn er versichert, Moskau werde die Interessen der russischen Bürger in der Ukraine schützen, wenn man sich an all das erinnert, was Putin schon angekündigt und dann nicht getan hat, dann ist die Skepsis wieder da. Dann kann man nicht ausblenden, dass dieser Schritt ebenso schnell wieder rückgängig zu machen ist: Die Zustimmung des von Putin kontrollierten Parlaments ist nur eine Formsache.

Es erscheint sogar nahezu bizarr, dies alles als Gradmesser dafür nehmen zu wollen, ob Russland nun endlich an einer Stabilisierung der Lage in der Ostukraine mitzuwirken gedenkt. Es kann ja auch nicht im Ernst darum gehen, ob die Russen einmarschieren oder nicht – sie sind längst da: Über die Grenze verstärken sie die Separatisten der beiden selbst ernannten Volksrepubliken um Donezk und Luhansk, auch der Nachschub mit Waffen und anderer Ausrüstung scheint ungebrochen, die Verbindungen zwischen entscheidenden Akteuren unter den Aufständischen und Moskau sind vielfältig. Am Frieden im Osten der Ukraine kann Putin kein Interesse haben, er hätte ihn längst durchsetzen können.

"Neue Art der Kriegsführung"

Stattdessen haben wir "erlebt, wie Russland eine neue Art der Kriegsführung benutzt" – dieser Satz von Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen ist keine Übertreibung. Dazu gehört nicht nur die Unterstützung der Separatisten, sondern ebenso der Versuch, über die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen Druck auszuüben und die vielfach dokumentierten Fälle gezielter Desinformation. Ein offener Einmarsch war und ist nicht nötig, um diesen Krieg weiter zu führen.

Die Waffenruhe bis Freitag, wenn Poroschenko auch den zweiten Teil des Assoziierungsabkommens mit der EU unterzeichnen will, ist ebenso fragil wie die Chancen auf eine Einigung mit den Separatisten dürftig sind. Dass Gespräche stattfinden, besiegelt zuallererst die Anerkennung der Separatisten als politische Kraft – das könnte man positiv sehen, wären sie nicht schlicht zum verlängerten Arm Russlands in der Ukraine geworden, bei allem berechtigten Drängen auf eine Regionalisierung der Machtstrukturen im Land. Fraglich erscheint ohnehin, wie groß ihr Interesse und auch das der ukrainischen Regierung an einer Einigung überhaupt ist.

Poroschenkos 15-Punkte-Plan werden die Verfechter der Volksrepubliken von Donezk und Luhansk nicht einfach komplett zustimmen, und ihren Traum von einem neurussischen Staat werden vielleicht auch nicht alle völlig aufgeben, ob aus Moskau ermuntert oder aus eigenem Antrieb. Ebenfalls unsicher ist, wie weit die ukrainische Regierung zu Kompromissen bereit ist: Bedingung für den Friedensplan ist die Kapitulation der Separatisten, andernfalls will Poroschenko die militärische Offensive gegen sie mit aller Härte fortsetzen.