Demonstranten vor der russischen Botschaft in Kiew © Oleg Pereverzev/Reuters

Die Menschen in der Ukraine gedenken nach dem Abschuss eines Militärflugzeugs der 49 Opfer. Präsident Petro Poroschenko hat eine landesweite Staatstrauer ausgerufen. Prorussische Separatisten hatten die Transportmaschine beim Landemanöver auf den Flughafen Luhansk angegriffen. Es ist der schwerste Schlag für die ukrainische Armee seit Beginn ihrer "Anti-Terror-Offensive" gegen Aufständische Mitte April.

In Kiew sorgte die Nachricht vom Abschuss für wütende Reaktionen. Hunderte Demonstranten stürzten vor der russischen Botschaft Diplomatenfahrzeuge um, zerstörten mehrere Fensterscheiben mit Steinen und rissen die russische Fahne herunter. Sie warfen der Regierung in Moskau vor, die Verantwortung für die Gewalt in der Ostukraine zu tragen. Etwa zwölf Polizisten beobachteten die Proteste, griffen jedoch nicht ein. Am späten Abend wurde aus der Menge ein Brandsatz auf die Botschaft geworfen. Einsatzkräfte brachten das Feuer aber schnell unter Kontrolle.

Russland verurteilte "die provozierenden Aktionen" und die "Schändung" der russischen Flagge. Das Außenministerium in Moskau warf den ukrainischen Behörden "Untätigkeit" vor. Auch die US-Regierung ermahnte die Ukraine, die Sicherheit der diplomatischen Vertretung zu gewährleisten.   

Unterdessen drohte Poroschenko den Aufständischen mit Vergeltung für den Abschuss. "Die Terroristen werden die angemessene Antwort erhalten", sagte er. Der Beschuss sei ein "zynischer terroristischer Akt, der unbedingt bestraft werden wird". Für Montag berief Poroschenko den nationalen Sicherheitsrat ein. Er wolle bei der Sitzung einen Friedensplan vorstellen. "Wir werden hart und gezielt durchgreifen."

Abbruch der Beziehungen mit Russland nicht ausgeschlossen

Außenminister Frank-Walter Steinmeier forderte, die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. "Jeder, der solche Taten begeht oder gutheißt, disqualifiziert sich für einen Dialog", sagte Steinmeier der Zeitung Die Welt. Der Angriff mache eine politische Lösung und die dafür notwendigen Gespräche nicht leichter.

Die ukrainische Führung schließt in dem Zusammenhang auch den Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Russland nicht aus. Falls Russland weiterhin zur Verschärfung der Lage im Osten des Landes beitrage, müsse die Ukraine zu diesem "äußersten Mittel" greifen, sagte Außenminister Andrej Deschtschiza. Russland verhindere nicht, dass über die gemeinsame Grenze Verstärkung für die Aufständischen gelange. Der Sicherheitsrat in Kiew werde daher an diesem Montag über eine mögliche Schließung der Grenze beraten, sagte Deschtschiza.

Angeblich Beweise für russische Waffen in Ukraine

Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) rief den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Reaktion auf den Abschuss zu einer schärferen Kontrolle der Grenze auf. Russland müsse den Zustrom von Waffen und Kämpfern in die Ukraine wirksam eindämmen, sagte Merkel nach Angaben eines Regierungssprechers in einem Telefonat mit dem Staatschef. An dem Gespräch sei auch Frankreichs Präsident François Hollande beteiligt gewesen. US-Außenminister John Kerry äußerte sich in einem Telefonat mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow "stark besorgt" über Waffenlieferungen an Separatisten.

In Washington hatte US-Außenamtssprecherin Marie Harf zuvor gesagt, es gebe "überzeugende Beweise", dass sich die Separatisten schwere Waffen und andere Ausrüstung aus Russland beschafft haben, darunter Panzer. Letztere seien "irgendwie aus russischen Lagerhäusern" geholt worden. Auch Poroschenko hatte sich zuletzt bei einem Telefonat mit Putin über das angebliche Eindringen russischer Panzer auf ukrainisches Staatsgebiet beschwert. Moskau weist dies zurück.

Weiterhin keine Lösung im Gasstreit

Die Nato veröffentlichte unterdessen Fotos mutmaßlicher russischer Panzer im Osten der Ukraine. Nach Angaben aus Kiew seien drei Panzer und mehrere gepanzerte Fahrzeuge auf ukrainisches Staatsgebiet vorgedrungen und in der Region Donezk gesichtet worden. Nach der ukrainischen Regierung hatte auch die US-Regierung Russland am Freitag vorgeworfen, Panzer in das Nachbarland geschickt zu haben. Moskau beschuldigte seinerseits die Ukraine, mit zwei Panzern die Grenze passiert zu haben.

Auch im Gasstreit stehen sich die Ukraine und Russland weiter unversöhnlich gegenüber. Eine neue Verhandlungsrunde endete am Samstagabend zunächst ohne Ergebnis und wurde auf Sonntag vertagt. Dabei geht es um ausstehende Zahlungen der Ukraine an Russland sowie um den künftigen Gaspreis. Das derzeitige Angebot des russischen Staatskonzerns Gazprom lehnt die Regierung in Kiew als zu hoch ab. Ein Ultimatum läuft am Montag aus, ein Lieferstopp hätte auch Auswirkungen auf mehrere EU-Staaten.