Oligarchie ist ein böses Wort. So böse, dass wir Amis es höchstens auf Russland anwenden, wo gewissenlose Industriebarone noch gewissenlose Industriebarone sind. Bis vor Kurzem jedenfalls: Irritierenderweise diskutieren seit einiger Zeit seriöse Ökonomen, Politiker und andere Kommentatoren die Frage, ob Amerika heute eine Oligarchie sein könnte.

Es fing an mit einer Studie der Politikwissenschaftler Martin Gilens (Princeton) und Benjamin Page (Northwestern University). Sie vergleicht Meinungsumfragen der vergangenen Jahre mit realer Gesetzgebung und kommt zu dem Ergebnis, dass erlassene Gesetze überproportional oft auf den Willen der wenigen Reichen zugeschnitten sind, seltener auf den Willen der großen Masse des Volkes.

Na gut: Dass die Reichen mehr Einfluss auf die Politik haben als der Typ vor dem Kiosk mit der Pulle Bier in der Hand, wussten wir immer. Aber die Zahlen, die in dieser Studie präsentiert wurden, waren schockierend. So sehr, dass man anfing, von einer Oligarchie zu sprechen, obwohl das Wort in der Studie gar nicht auftaucht.

Etwa zur gleichen Zeit kam die englische Übersetzung des Buches Das Kapitalim 21. Jahrhundert des französischen Ökonomen Thomas Piketty auf den Markt. Piketty ist nicht nur Kapitalismuskritiker, er ist ein regelrechter Marxist. Das ist schon bizarr genug, aber noch bizarrer ist: Die Amis nehmen seine Thesen ernst.

Vor allem geht es um die Neubelebung der alten Marx’schen Theorie, dass der Kapitalismus sich selbst frisst: Das Kapital konzentriere sich immer weiter, bis die unteren Schichten kein Geld mehr ausgeben könnten, dann breche die Wirtschaft endgültig zusammen. Oder so ähnlich. Pikettys Argumente, die er im Gegensatz zu Marx mit harten Zahlen untermauert, sind so gut, dass viele seiner amerikanischen Kollegen recht verstört reagiert haben.

Keine Sorge, amerikanische Ökonomen werden nicht über Nacht zu Marxisten mutieren. Es geht auch nicht um Marxismus als Lösung – das nimmt niemand mehr ernst – sondern erst mal darum, zu verstehen, was gerade mit der Wirtschaft passiert. Pikettys Modell ist eine gute Grundlage für eine Diskussion: Führt die hohe Konzentration des Kapitals tatsächlich unweigerlich zum Zusammenbruch?

Offiziell ist die Finanzkrise zwar vorbei, aber die Narben, die sie hinterlassen hat, schmerzen noch. Mit 6,3 Prozent (April 2014) ist die Arbeitslosigkeit für amerikanische Verhältnisse immer noch hoch, aber wichtiger ist: Ungewöhnlich viele gute Jobs sind unwiederbringlich verlorenen gegangen, sodass viele Menschen, die heute arbeiten, weniger als zuvor verdienen. Wenn ein Neurowissenschaftler hinter der Theke bei McDonalds steht, ahnen wir, dass etwas nicht stimmt.

Seit einigen Jahren wissen wir, dass unsere Wirtschaft sich verändert: Die Reichen haben immer mehr vom Kuchen, die mittleren und unteren Schichten immer weniger. Die Utopie der 1970er, als die amerikanische Mittelklasse stark war und Neurowissenschaftler noch Neurowissenschaftler waren, ist zerplatzt, und niemand weiß, ob Amerika ohne eine dominante Mittelklasse immer noch Amerika ist.