Sein Ausflug in die Freiheit dauert nur 24 Minuten. Nguyen Van Dai sitzt in einem kleinen Café in Hanoi. Aus dem Radio kommen süßliche Popsongs, er erzählt, wie er als junger Rechtsanwalt Jurastudenten lehrte, dass die Menschenrechte auch für politisch Andersdenkende gelten. Und wie er 2007 wegen "Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnam" zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. Die ersten Gefängnismonate fristete er bei Wasser und Reis, umgeben von bis zu 32 Mithäftlingen. "Im Winter war es okay, aber im Sommer wurde es sehr heiß."

Gerade sagt Nguyen, die politische Situation im Land sei heute "etwas besser", da füllen grüne Uniformen und schwarze Anzüge den Raum. 13 Geheimpolizisten und örtliche Aufseher umringen den Anwalt wie ein Zaun. Verängstigt eilt er zurück in seine Wohnung, und im Café preist ein weiterer Popsong den Sieg der Liebe.

Noch gelingt der vietnamesischen Führung ein erstaunlicher Spagat. Das Land zählt zu den brutalsten Gegnern der Presse- und Meinungsfreiheit – und fördert zugleich den Tourismus. Kaum ein Regime fürchtet neue Medien mehr als die dortige Kommunistische Partei – und forciert zugleich die heimische Unterhaltungsindustrie. Auf Plakatwänden prangen Hammer und Sichel neben der Werbung fürs neueste Tablet.

Die Regierung liest mit

Wer von den zentral vorgegebenen Sprachregelungen abweicht, dem drohen bis zu 20 Jahre Haft. Human Rights Watch schätzt die Zahl politischer Häftlinge auf bis zu 200. Allein 2013 seien 63 Personen aus politischen Gründen verurteilt und eingesperrt worden. Im jüngsten Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen rutscht Vietnam weiter nach unten – auf Platz 174 von 180 Ländern. Die NGO urteilt, Vietnam sei "heute nach China das zweitgrößte Gefängnis für Blogger und Netzbürger".

Warum also sagt Anwalt Nguyen, heute sei die Lage in Vietnam "etwas besser"? Die Antwort hat zu tun mit großer Politik, sogenannten kleinen Leuten – und dem Internet.

Es gehe ihm gut, lässt Nguyen wenige Stunden nach dem gesprengten Treffen ausrichten. Er sei nicht geschlagen worden, dürfe aber seine Wohnung wohl ein paar Wochen lang nicht verlassen. Die Nachricht erreicht die Außenwelt per Mail. Die vietnamesische Regierung lässt Internetseiten zeitweise sperren und vermutlich Mails mitlesen. Trotzdem finden Demokratieaktivisten wie Nguyen Wege, sich im Netz Gehör zu verschaffen.

Streit mit China als Ablenkung

Noch scheint die Stimmung im Land der Regierung gewogen. Seit Beginn der marktwirtschaftlichen Reformen in den achtziger Jahren wächst das Bruttoinlandsprodukt stetig. Tourismus, Rohstoffexporte, Textil- und Elektronikfabriken tragen dazu bei, dass es in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten jährlich zwischen 5 und 8,5 Prozent wuchs. Doch mit dem Wohlstand entsteht bei vielen Vietnamesen auch ein Bewusstsein für die sozialen Missstände.

Bauern im ganzen Land wehren sich gegen Beamte, die sie mit Behördentricks von ihrem Grund vertreiben wollen. Andere Stimmen kritisieren den Umgang der Führung im Konflikt mit dem großen Nachbarn China als zu lasch. Beide Staaten beanspruchen große Teile der Spratly-Inseln im Südchinesischen Meer für sich. Sie vermuten dort große Rohstoffvorkommen. Auch deshalb hat die Führung in Hanoi die jüngsten Proteste so lange gewähren lassen: um gegenüber Peking Stärke zu demonstrieren – und um innenpolitischen Druck abzuleiten.

Der Druck aus der Bevölkerung aber steigt. Und mit ihm der Gegendruck von oben. Im 90-Millionen-Land existieren mehr als 850 Zeitungen und Magazine, 66 Fernseh- und Radiosender und 80 Onlinezeitungen. Sie alle stehen unter zentraler Kontrolle durch das Propaganda- und Bildungsministerium in Hanoi. Seit September 2013 gilt Dekret 72. Es untersagt Vietnamesen, Informationen zu verbreiten, die dem "nationalen Interesse schaden" könnten. Internetnutzer dürfen in Mails, Blogs oder sozialen Netzwerken keine "allgemeinen Informationen" mehr verbreiten. Lakonisch titelte das US-Magazin Time: "Kümmert euch nur noch um Promiklatsch."