Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff und der russische Präsident Wladimir Putin beim BRICS-Gipfel in Fortaleza © Yasuyoshi Chiba/AFP/Getty Images)

Am Strand der nordbrasilianischen Hafenstadt Fortaleza wird gerade das Fanfest abgebaut: Leere Bierdosen wandern in riesige Plastiksäcke, die letzten Trikotträger in ihren Badeshorts und Flipflops treten die Heimreise an. Eine andere Art von Weltreisenden bestimmt seit Montagabend das Stadtbild: Anzugträger mit ernsten Gesichtern, um den Hals die bunten Plastikschildchen, die sie als Delegierte oder Beobachter der "BRICS 2014"-Konferenz ausweisen.

Die brasilianische Regierung veranstaltet in Fortaleza eine ganz eigene Art von After-WM-Party: Drei Tage lang reden die Staatschefs und Minister der wichtigsten Schwellenländer (Brasilien, RusslandIndien, China und Südafrika) darüber, wie es mit der Welt weitergehen soll – und zwar ohne die USA und Europa, die bisherigen Welt-Hegemonialmächte. Etwa 42 Prozent der Weltbevölkerung leben in den Ländern, die hier repräsentiert sind; etwa ein Viertel der Welt-Wirtschaftsproduktion findet in diesen Ländern statt, und eigentlich stehen sie noch für mehr, denn jedes der hier vertretenen Länder ist der regionale, politische und wirtschaftliche Anführer in seiner jeweiligen Weltregion.

Das Problem ist bloß: Die Brics-Länder haben selbst an diesem harmoniefördernden sonnigen Strandort Riesenschwierigkeiten damit, sich auf irgendetwas zu einigen. Schwerpunkt der Beratungen in Fortaleza zum Beispiel soll eine Art Ersatzprogramm zum Internationalen Währungsfonds (IWF) werden, also eine Einrichtung, die im Falle von Verwerfungen am internationalen Finanzmarkt notleidenden Ländern schnell zur Seite springt, und zur Weltbank für die Finanzierung großer Investitionen beispielsweise in der Infrastruktur. Kreditvolumen: bis zu 100 Milliarden Dollar. Die Idee stammt aus dem Jahr 2012 und wurde damals bei einem ähnlichen Treffen in Delhi geboren, in Brasilien sollten eigentlich bloß noch Details festgelegt werden. Aber der Streit fängt bereits damit an, dass Brasilien, China und angeblich auch Südafrika den Sitz der neuen Superbank für sich reklamieren – am Dienstagmorgen sah es am ehesten nach Schanghai aus, aber womöglich wird die Entscheidung bis nach dem Gipfel vertagt.

Hauptsache gegen die USA

Das zeigt nur ein tieferes Problem: Stimmt schon, dass die hier versammelten Schwellenländer auf dem Weg sind, die neuen Herren der Welt zu werden – aber mit gemeinsamer Stimme sprechen, das wird schwer. Einig sind sie immer da, wo es (vor allem rhetorisch) gegen die etablierten Hegemonialmächte geht und ganz besonders gegen die USA. Den hier versammelten Staaten stinkt es, dass der IWF und die Weltbank von den USA und Europa dominiert werden, dass die neuen Schwellenländer dort unterrepräsentiert sind, dass die Kriterien für die Kreditvergabe vor allem vom reichen Westen festgelegt werden, dass man ärmere Länder damit häufig zu einer bestimmten Art von Politik gezwungen hat. Sonst würde kaum jemand auf die Idee kommen, eine alternative Schwellenländer-Bank aufzubauen.

Hier in Fortaleza merkt man auch schon im Kleinen, wie sehr die Ziele und Interessen auseinandergehen: Russland zum Beispiel hat im Vorfeld klargemacht, dass die Schwellenländer sich gemeinsam gegen die Praxis der USA und anderer westlicher Staaten wappnen sollten, kriegerische Invasoren mit Sanktionen zu belegen. Das scheint allerdings (im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt) ein sehr nationales Thema zu sein. In Brasilien stellt man sich derweil die Frage, inwiefern eine neue Brics-Bank oder ein Brics-Notfallfonds auch anderen Ländern helfen sollte, die in der Nachbarschaft in Schwierigkeiten geraten: dem brasilianischen Nachbarn Argentinien etwa, der zur Zeit mit US-Hedgefonds vor einem New Yorker Gericht im Clinch liegt und möglicherweise demnächst in Zahlungsverzug gerät.

Der größte Konflikt zieht zwischen China und dem Rest der Brics herauf: Bei aller rhetorischen Geschlossenheit gegenüber der alten Hegemonialmacht USA ist klar, dass die Brics die neue aggressive Hegemonialmacht China in den eigenen Reihen haben. 

Land für Land den Einfluss sichern

Für Chinas Präsidenten Xi Jinping ist das Treffen der neuen Mächte in Fortaleza nur einer von mehreren Stopps: Er will in diesen Tagen auch noch eine "Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank" aus der Taufe heben, seine Reise in Lateinamerika wird ihn auch noch nach Argentinien, Venezuela und Kuba bringen. Im vergangenen Jahr war er schon in Mexiko, Trinidad und Tobago und Costa Rica. China ist dafür bekannt, dass es Land für Land mit den einzelnen Staatschefs verhandelt statt beispielsweise mit den Handelsverbänden in der Region; und es macht seinen Einfluss geltend, indem es Jahr für Jahr zweistellige Milliardensummen an Krediten in die Region vergibt. Hauptsächlich dient das der Sicherung von Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten, die das Riesenreich so dringend braucht.

Der Konflikt mit der Regionalmacht Brasilien ist damit im Grunde schon programmiert. Die Gastgeber in Fortaleza sind selbst an chinesischen Investitionen interessiert – aber die Abhängigkeit von den Rohstoffexporten gen China und von chinesischen Investitionen passt ihnen genauso wenig wie die Bemühungen der Chinesen, Land für Land mit den Staatschefs im brasilianischen "Vorgarten" Lateinamerika zu verhandeln und ihren Einfluss dort zu mehren. Zumal Brasilien mit seinen eigenen Plänen für eine gewaltige südamerikanische Entwicklungsbank namens "Banco del Sur" noch nicht besonders weit gekommen ist.