Zu Beginn war es nur eine Abkürzung, 2001 erfunden von dem Goldman-Sachs-Ökonomen Jim O'Neill: Brics. Sie stand für die Anfangsbuchstaben von Brasilien, Russland, Indien, China und (seit 2010) auch Südafrika – fünf aufstrebende Länder, die seit Anfang des Jahrtausends eine rasante Entwicklung genommen haben und auf die heute mit ihren 42 Prozent der Weltbevölkerung 24,5 Prozent des Weltsozialprodukts und 17 Prozent des Welthandels entfallen. Seit 2006 versuchen sie, ihr politisches Gewicht zu bündeln, den westlichen Einfluss auf die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Weltfinanzordnung zurückzudrängen und den eigenen Einfluss zu verstärken. Aus aufstrebenden Märkten sollten aufstrebende Mächte werden.

Der sechste Jahresgipfel der Brics im brasilianischen Fortaleza war in der vergangenen Woche das politische Sahnehäubchen auf dem sportlichen Ereignis der Fußballweltmeisterschaft. In der Tat beschlossen die Staats- und Regierungschefs der fünf Länder, was schon mehrere Jahre lang im Gespräch war: die Einrichtung einer eigenen Entwicklungsbank (New Development Bank) und eines Währungsreservefonds (Contingent Reserve Arrangement). Die beiden Institutionen sind zwar nur relativ karg dotiert: mit zunächst 50 Milliarden Dollar, später 100 Milliarden die Brics-Bank, die vor allem Infrastrukturprojekte finanzieren wird, mit 100 Milliarden der Fonds, der in Finanzkrisen Beistand leisten soll. Aber immerhin ist damit ein Signal gesetzt. Die fünf sagen dem Westen den Kampf um ihren Platz an der Sonne an.

In Panik zu geraten brauchen wir deswegen aber nicht. Zum einen wird es einige Jahre dauern, bis die Entwicklungsbank der Brics voll ins Geschäft einsteigen kann. Zum anderen nehmen sich die Summen, über die sie oder der neue Währungsfonds verfügen kann, noch nicht sonderlich eindrucksvoll aus. Die Weltbank hat seit der Finanzkrise von 2008 Kreditzusagen in Höhe von 246 Milliarden Dollar gemacht, 50 Milliarden allein im vergangenen Jahr; der Internationale Währungsfonds verfügt über ein Ausleihevolumen von 837 Milliarden Dollar. Da können die neuen Institutionen schwerlich mithalten. Bei einem Finanzbedarf, der in den nächsten zehn Jahren allein für den Ausbau der Infrastruktur in Südasien auf drei Billionen Dollar veranschlagt wird, fällt es schwer, ihnen große Durchschlagskraft zu attestieren.

Hinzu kommt, dass die Brics-Staaten von höchst unterschiedlichem ökonomischen Gewicht sind. Chinas Wirtschaftsleistung ist 28-mal größer als die Südafrikas und viermal größer als die Indiens und Russlands. Auch das Pro-Kopf-Einkommen der fünf spiegelt ihren gänzlich verschiedenen Entwicklungsstand wider. In Russland und China ist es zehnmal höher als in Indien. Und ihre wirtschaftlichen Interessen stimmen nicht unbedingt überein.

Dies gilt erst recht für ihre politische Einstellung. Drei sind Demokratien: Indien, Brasilien, Südafrika; China ist eine kapitalistisch-kommunistische Diktatur, Russland ein scheindemokratisch-autoritäres System. Geografisch sind sie weit voneinander entfernt; das allein verhindert eine allzu große Übereinstimmung der politischen Interessen. Moskau liegt mit mehreren Nachbarn im Streit; das Verhältnis Chinas zu den übrigen Anrainern des Pazifiks ist gespannt, und Brasilien ist in Lateinamerika weiterhin isoliert.

Vor allem jedoch sind auch die Beziehungen der Brics-Staaten untereinander nicht unbelastet. China und Indien haben einen Krieg um ihre Himalaya-Grenze geführt, die Haltung zu Pakistan und zum Dalai Lama, zu ihrer maritimen Strategie treibt sie auseinander. Moskau – letzter Grenzkrieg mit China am Amur 1969 – versucht zwar eine Annäherung an Peking, doch könnten die latenten Spannungen wegen des chinesischen Vordringens nach Zentralasien und wegen der begehrlichen Blicke, welche die Chinesen auf das menschenleere, aber rohstoffreiche Sibirien richten, leicht virulent werden. Brasilien und China stehen unterdessen in scharfer Konkurrenz um die afrikanischen Bodenschätze.

Diese Differenzen und Divergenzen werden die Brics nicht daran hindern, gemeinsam gegen die immer noch amerikanisch geprägte Weltordnung anzustänkern – und die Weigerung des US-Kongresses, in der Weltbank und dem Weltwährungsfonds zur Seite zu rücken, um Platz für die Aufsteiger zu machen, wird ihr Aufbegehren rechtfertigen. Doch über die gemeinsame Opposition gegen das Übergewicht des Westens hinaus haben sie bisher keine gemeinsame Zukunftsvorstellung präsentieren können. Sie sind sich einig über das, was sie nicht wollen, aber unfähig, sich über das zu verständigen, was sie gemeinsam wollen sollen. Und die Dominanz des weitaus stärksten Partners – Chinas – werden sie kaum gegen die Dominanz der USA eintauschen wollen.

Keine Panik also. Fünfhundert Jahre westlicher Vorherrschaft sind zu Ende, doch von einer Vorherrschaft der Brics kann noch lange keine Rede sein. Auch wenn es ziemlich sicher ist, dass ihr Aufstieg die Weltordnung des 21. Jahrhunderts prägen wird.