Was haben sich die Richter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nur bei diesem Urteil gedacht? Sie haben das Burka-Verbot in Frankreich bestätigt. Jedes europäische Land darf nun ähnliche Vorschriften machen. Es ist ein Urteil aus dem Katalog des Menschenrechtsverächters ausgerechnet von den Wächtern über ebendiese Rechte. Die Ehre des Straßburger Gerichts halten allein zwei Richterinnen hoch, die sich deutlich von dem Urteilsspruch distanzierten.

Das französische Verbot, einen Ganzkörperschleier zu tragen, ist eine radikalsäkulare Verirrung mit dem Ziel, einen Dresscode für die angeblich offene Gesellschaft festzulegen – oder zumindest zu bestimmen, was dem Dresscode widerspricht. Das Urteil gibt Vorurteilen gegen den Islam Auftrieb. Damit befeuert es leider auch rechtsradikale Islamkritik. Es wird nichts verbessern, wohl aber verschlimmern.

Ein Argument für das Verbot war in Frankreich, dass sich Frauen mit Ganzkörperschleiern von der Außenwelt abschotteten. Sie würden gesellschaftlicher "Interaktion" aus dem Weg gehen. Sie brächen die "Mindeststandards der Werte in einer offenen demokratischen Gesellschaft". So sieht es nun auch der Straßburger Gerichtshof. Warum aber glauben so viele, man könne eine Frau mit Schleier noch nicht mal nach der Uhrzeit oder dem Weg fragen? Meine Erfahrung in den Straßen von Riad, Dubai und Katar sagt mir: man kann sehr wohl. Die antworten sogar – und oft präziser als die unverschleierten Männer.

Seien wir ehrlich. Mittel, nicht gesehen zu werden oder heimlich andere zu beobachten, gibt es viele. Dunkle oder verspiegelte Sonnenbrillen zum Beispiel. Ich weiß nie, wo die Frau, deren Augen ich hinter der Brille nicht sehe, eigentlich hinschaut. Auf mich, oder schlimmer noch: an mir vorbei? Und Kleidung, die einem ästhetische Schmerzen bereitet, gibt es auch zuhauf. Man schaue nur auf die gerade bei deutschen Männern immer wieder anzutreffenden knatschgelben Jacketts. Aber bitteschön. Bei Jacketts, Brillen und Burkas herumzureglementieren, ist nichts anderes als ein Eingriff in die Privatsphäre, eine inakzeptable Freiheitsbeschränkung.

Dass der Ganzkörperschleier als einziges auf den Index geraten ist, zeigt die kulturelle Schieflage des Urteils. Hier wird ein meist religiös motiviertes Kleidungsstück mit dem säkularen Bann belegt. Der Islam schreibt die Totalverhüllung allerdings keineswegs vor. Niqab und Burka werden vor allem in streng konservativen Gegenden der islamischen Welt getragen. Dort ist das Kleidungsstück manchmal nützlich (bei Sandsturm) und manchmal lästig (bei 40 Grad im Schatten). In Frankreich, wo gerade mal ein Promille der muslimischen Frauen die Ganzkörperhülle tragen, sollte es gar kein Thema sein. Stattdessen wird die Kleidung der Muslima reglementiert, während jede Christin tragen kann, was sie will.

Der Richterspruch verschlimmert die Lage derer, denen angeblich geholfen werden soll. Die Gründe für einen Niqab können viele sein: religiöse, traditionelle oder einfach, weil der Macho-Mann im Hause es so will. Letzteren Missstand behebt man nicht, indem man den Ganzkörperschleier verbietet. Das Ergebnis wird sein, dass manche Frauen sich – statt mit Niqab auf der Straße – nur noch zu Hause aufhalten werden. Da ist dann endgültig Schluss mit Interaktion.

Die Türkei hat diese Fehlentwicklung mit den Kopftuchverboten der Generäle schon einmal durchgespielt. Gläubige Frauen, die sich nicht die Haare bedecken durften, blieben einfach fern: von Universitäten, aus Behörden, der Politik und dem öffentlichen Leben. Das war Unrecht und zutiefst ungerecht. Seitdem das Kopftuch erlaubt ist, haben Frauen aller Schichten und aller Bekenntnisse den öffentlichen Raum erobert. Statistiken zeigen, dass im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung heute weniger Frauen Kopftuch tragen. Aber man sieht viel mehr Kopftücher in Behörden und Universitäten, in Cafés und Konzerten, weil Frauen mit Bedeckung nicht mehr ausgeschlossen werden. Das ist ein gesellschaftlicher Fortschritt.

Die Straßburger Richter dagegen haben mit dem Burka-Urteil einen Schritt zurück in die Intoleranz gemacht.