Christliche Flüchtlinge aus Mossul kommen in der irakischen Stadt Telkaif auf der Ninive-Ebene in einer Kirche unter. © Reuters

Emanuel Youkhana schläft wenig in diesen Tagen. Am Morgen war der Erzdiakon der Kirche des Ostens in Erbil. Dort hat er mit anderen Kirchenvertretern und Christen vor der UN-Vertretung demonstriert. Sie haben lautstark Schutz für die Christen im Irak gefordert. Am Nachmittag, als ZEIT ONLINE ihn telefonisch erreicht, ist er schon wieder zurück im 160 Kilometer entfernten Dohuk. Dort bemüht er sich unermüdlich, Hilfe für die von der islamistischen Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) brutal unterdrückte christliche Minderheit zu organisieren.

Dass Menschen christlichen Glaubens im Irak verfolgt werden, ist nicht neu. Youkhana hat dies am eigenen Leib erfahren. Als 1994 eine Granate in das Haus seiner Familie im Irak einschlug, überlebten er, seine Frau und seine Kinder nur durch Glück unverletzt. Kurz zuvor hatte der Erzdiakon vor dem deutschen Bundestagsausschuss für Menschenrechte über die Situation der Christen im Irak berichtet. "Das damals war ein klares Zeichen", sagt er.

Seine Familie wohnt seither in Deutschland. Youkhana pendelt zwischen Dohuk und Wiesbaden.

Seit biblischen Zeiten leben Christen im Gebiet des heutigen Irak. Das Christentum gehört seit seiner Entstehung zur kulturellen und religiösen Vielfalt der Region, die mit der katholischen Kirche nur locker verbundene Ostkirche ist eine der ältesten überhaupt. Für den Erzdiakon stellt sich in diesen Tagen allerdings die brennende Frage: "Werden die Christen das nächste Jahrzehnt im Irak überleben?"

Seit Jahren sinkt die Zahl der im Irak lebenden Christen, viele sind ins Ausland geflohen. Wie viele noch im Land sind, weiß niemand genau, Schätzungen kommen auf etwa 300.000. "Vor zehn Jahren waren wir noch weit über eine Million. Nach dem Kollaps des Staates 2003 sind viele geflohen, vor dem Terror und dem Krieg der Amerikaner." Schon Saddam Hussein ließ Kirchen zerstören.

So systematisch und brutal wie heute war die Verfolgung von Christen im Irak allerdings noch nie. Die Terrorgruppe IS hat in dem von ihr eroberten und kontrollierten Teil des Landes ein Kalifat errichtet, in dem sie eisern die Scharia anwendet. Es ist eine Schreckensherrschaft: Frauen werden gesteinigt, Männer geköpft, Dieben die Hände abgehackt. In Mossul, der nordirakischen Stadt, die IS als Erstes unter Kontrolle brachte, stellten die muslimischen Kämpfer die Christen vor Kurzem vor die grausame Wahl: Sie könnten entweder zum Islam konvertieren, eine Sondersteuer zahlen und bleiben, oder das Kalifat auf der Stelle verlassen. Wer nicht Folge leisten wollte, dem droht seitdem die Enthauptung mit dem Schwert.

Wer konnte, ist in Gebiete geflohen, die kurdische Peschmerga kontrollieren. Viele Christen wurden beim Verlassen der Stadt an den Checkpoints der IS-Milizen ausgeraubt. Erzdiakon Youkhana hat mit Flüchtlingen aus Mossul gesprochen, er kennt ihre Geschichten. Eine ist ihm besonders nahegegangen: "Eine besser gestellte Familie hat sich ein Taxi gemietet, um die Stadt zu verlassen. Am Checkpoint fragten die IS-Kämpfer den Fahrer, ob er Muslim sei. Als er bejahte, schlugen und beschimpften sie ihn. Sie wollten wissen, wie er Verrätern helfen könne. Dann wendeten sie sich an die Familie, wollten Geld haben. Die Familie gab vor, kein Bargeld bei sich zu haben. Also zerrten sie ihre Tochter aus dem Wagen, schlugen sie und drohten, sie zu vergewaltigen. Die Eltern hörten die Schreie des Mädchens. Sie kauften ihre Tochter mit allem Geld und Gold frei, das sie dabei hatten."

Das Ziel vieler Vertriebener aus Mossul ist die Ninive-Ebene nordöstlich der Stadt. Sie grenzt an Kurdistan und wird von Peschmerga geschützt. Auf der Ebene leben mehrere religiöse Minderheiten friedlich zusammen – Christen, Jesiden und Schabak, deren Religion Elemente des Christentums und des Islam vereint. "Ein schönes, buntes Mosaik", sagt Youkhana. Seine Stimme ist immer noch etwas heiser von der Demonstration am Morgen, aber wenn er von der Ninive-Ebene spricht, wird sie kräftiger.

Die Ebene, auf der die Minderheiten Schutz finden, ist arm. "Sie wird von der Regierung seit Jahren systematisch ignoriert und vernachlässigt, auch in Sachen Infrastruktur", sagt Youkhana. Die Regierung in Bagdad unter Ministerpräsident Nuri al-Maliki hat sich nie um die religiösen Minderheiten des Landes geschert, und ist überfordert damit, die Terrorgruppe IS zu bekämpfen.