Der Kampf um Ciudad Juárez wird auch hier entschieden: In einem kahlen Raum, in dem ein junger Mann in einer Ecke auf einem Keyboard klimpert. Vorne stehen zwei Lehrer, die tanzen, zwei Dutzend Kinder beobachten die beiden, ahmen ihre Bewegungen nach, konzentriert. Nur ein Junge posiert mit einem imaginären Maschinengewehr, ballert – "Pam, pam, pam" – einen unsichtbaren Gegner nieder. 

Felipe Angeles ist eine der ärmeren Siedlungen von Ciudad Juárez, staubige Ziegelhäuschen, im Hintergrund Wüste. Hier sind die sogenannten Problemkinder zuhause. Es sind Kinder, die sonst auffallen, weil sie aggressiv sind, schlecht in der Schule und sich kaum konzentrieren können. In Juárez wachsen die Erben des Drogenkriegs heran, eine Generation, die brutale Gewalt erlebt hat, vor allem Kinder, die aus den Armenvierteln kommen. Werden sie weitermachen wie ihre Eltern oder der Gewalt abschwören?

Die 1,3-Millionen-Einwohnerstadt direkt an der Grenze zu Texas war schon immer ein lukrativer Korridor für den Drogentransport in die USA. Als das Sinaloa-Kartell dem lokalen Juárez-Kartell den Marktplatz streitig machen wollte, entbrannte ein unübersichtlicher Krieg, in dem die Söldner der Kartelle, korrupte Polizisten und Soldaten sich in wechselnden Allianzen bekämpften. Dazu konkurrierten die 900 Straßengangs von Juárez um die Macht, in manchen Vierteln löschten sie sich gegenseitig aus: In Siedlungen wie Los Tiburones wurden fast alle Jugendlichen getötet, darunter auch viele, die keiner Gang angehörten. Mehr als 11.000 Menschen sind zwischen 2007 und 2013 ermordet worden.

Kinder als Kanonenfutter für Drogenbosse

"Die Stadt zerfiel in Stücke, wir waren in einer Schockstarre, und hatten alle Angst", sagt Daniel Miranda. Der Schauspieler ist ein gutmütiger, sanfter Typ, der sagt, er habe sich in den letzten Jahren angewöhnt, draußen auf der Straße "ein Gesicht wie ein wütender Hund" zu machen – damit ihm keiner zu nahe kommt, keiner ihn für ein leichtes Opfer hält. Miranda suchte nach einer Möglichkeit, den Kreislauf der Gewalt zu brechen und entdeckte ein Tanzkonzept aus New York, das er für Juárez adaptierte. Der 34-Jährige ist heute Leiter von ConArte Juárez, einer Organisation, die Musikunterricht in Gemeindezentren in ärmeren Siedlungen von Juárez anbietet – Tanz, Chor, Instrumente wie Gitarre, Percussion oder Saxophon.

Die 250 Armenviertel, die etwa die Hälfte von Juárez ausmachen, sind besonders von der Gewalt betroffen. Hier streiten Gangs um die lokalen Drogenverkaufsrechte, hier geschehen die meisten Morde. Die Siedlungen liegen teils mitten in der Wüste, vom Stadtzentrum weit entfernt. Kinder und Jugendliche sehen häufig kaum andere Alternativen, als selbst in den Drogenhandel einzusteigen. Sie verwandeln sich in Carne de cañón, Kanonenfutter, die im Drogenkrieg verheizt werden, für ein paar Pesos angeheuert, um Drogen zu transportieren und zu verkaufen, kleine Handlangerjobs zu erledigen oder sogar als Killer für ein paar Dollars Drecksjobs zu erledigen. Die Mordrate in Juárez, lange die höchste der Welt, ist inzwischen gesunken, wohl weil die Kartelle sich geeinigt haben, aber sie ist immer noch hoch. Und die Wunden bleiben: Im Bundesstaat Chihuahua, in dem Juárez liegt, hat der Drogenkrieg zwischen 10.000 und 20.000 Kinder und Jugendliche zu Waisen gemacht, viele davon in Júarez.

Von den derzeit 1.000 Kindern, die von den ConArte-Angeboten erreicht werden, wachsen viele bei ihren Großeltern, Geschwistern oder Verwandten auf. "Etwa 30 bis 40 Prozent unserer Kinder sind in der Situation, dass sie Vater oder Mutter verloren haben", sagt Daniel Miranda.