Vielleicht merken wir es nur noch nicht richtig, aber für Europa und Russland könnte 7/17 das werden, was für Amerika und die islamische Welt 9/11 geworden ist. So unterschiedlich die Flugzeug-Attentate vom 11. September 2001 und der Flugzeug-Abschuss vom 17. Juli 2014 sind, so unterschiedlich intensiv man sich an sie erinnern wird, es gibt etwas in ihrer Wirkung, das beide Katastrophen schon jetzt verbindet.

Es gibt, wie nie zuvor, ein "uns" und ein "sie" nach dem vergangenen Donnerstag. Kaum eine andere Frage als "Wer war das?", als die Wahl zwischen Beschuldigung und Bezichtigtwerden, presst Menschen stärker in ein bestimmtes Lager. Die Katastrophe von 7/17 ist deshalb ein ganz ähnlicher Kristallisationspunkt zweier Weltbilder, wie es 9/11 war. Die Theorie, die Passagiere in der Malaysia-Airways-Maschine seien schon tot gewesen, bevor das Flugzeug abstürzte, wird sich in Russland ebenso hartnäckig halten wie die verbreite Überzeugung in der islamischen Welt, die Amerikaner hätten sich am 11. September selber angegriffen. Immer wieder, wenn die eine Seite die Unterstellung der anderen hört, wird sie sich attackiert, beleidigt, verhöhnt fühlen. Die Entzweiung wird verfestigt und vertieft.

Putin jetzt schlicht zum Psychopathen zu stempeln, hilft gegen diese Dymanik rein gar nichts, im Gegenteil. Sicher, er lebt in einer anderen Welt. Aber das tun Islamisten auch. Leider gibt es zu viele Leute mit absurden Weltbildern, um sie plausibel allesamt als krank abtun zu können. In Russland befürworteten noch im März 65 Prozent der Bevölkerung den Krieg gegen die "Faschisten" in der Ukraine, wie das Kreml-unabhängige Lewada-Institut ermittelt hat.

Hier ist etwas anderes am Werk als klinischer Realitätsverlust. Es ist, um mit Enzensberger zu sprechen, der Zorn des radikalen Verlierers. Vor 13 Jahren glaubte die Welt, den Beweis für den Clash of Civilisations geliefert zu haben bekommen, für den Zusammenprall zwischen einem dogmatisch-intoleranten Islam und dem freiheitlichen Westen. Heute müssen wir die Dimension des Clashs wohl ausdehnen.

Was seit 7/17 heftiger und gefährlicher zusammenprallt als jemals zuvor, sind demokratische und selbstkritische Länder auf der einen Seite und Länder, die nie demokratisch und kaum selbstkritisch gewesen sind, auf der anderen Seite. Ganz ähnlich wie islamische Radikale spüren die Putin-Günstlinge in Moskau ihre politische, wirtschaftliche und kulturelle Rückständigkeit, und nach bekanntem Muster verachten sie das, was sie selbst nicht fertigbringen. Die Quelle des zunehmenden antiwestlichen Denkens in Russland, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Eduard Poranin von der Universität St. Petersburg, sei "die Frustration der Eliten über das Scheitern, ihr Land nach dem Vorbild einiger anderer Länder zu modernisieren".

Getrieben vom Wahn moralischer Überlegenheit richtet sich ihr ganzes Streben auf die Errichtung eines globalen Gegengewichts zur Weltmacht USA. Klingt bekannt? Sagen wir's mal so: Was den einen ihr Kalifat ist, ist den anderen ihr Neurussland. Was heißt das nun für den Westen? Ganz einfach: Er muss sich umso mehr auf seinen Marktvorteil der Selbstkritik besinnen. Die 13 Jahre nach 9/11 sind voll von Fehlern, aus denen sich prächtig lernen lässt. 

Der größte Gesamtfehler dieser Ära war das Versagen westlicher soft power. Weder Amerika noch Europa ist es gelungen, die politischen Gewichte in der islamischen Welt zu ihren Gunsten zu verschieben. Überspitzt gesagt: Statt Guantánamo hätte man ein paar amerikanische Universitäten im Irak bauen sollen und jene Kräfte stärken müssen, denen an Modernisierung gelegen war, statt die Radikalen weiter zu radikalisieren. Vielleicht war es von vornherein illusorisch, an diese Umpolung zu glauben. Aber ist es das heute auch im Falle Russlands schon?

Es gibt dort Putin-Gegner. Es gibt jene Russen, die vor der niederländischen Botschaft Blumen niederlegen, mit Nachrichten daran, sie schämten sich für ihre Regierung. Es gibt kritische Journalisten und Akademiker. Diese Leute lassen sich stärken: mit Geld für ihre Zeitungen, Bücher und Webseiten, mit schützender Öffentlichkeit, indem man ihnen zu Lautstärke verhilft. Es sind diese Russen, und zwar ausschließlich sie, mit denen Europa eine "strategische Partnerschaft" pflegen sollte. Ob sie irgendwann die kritische Masse formen können, die Russland verändert? Wer weiß das. Sicher ist: Wenn der Westen nicht jetzt mit ihrem Aufbau anfängt, wird ihre Chance klein bleiben.