Arbeiter vor einem Tunnel zwischen Gaza und Ägypten © Ibraheem Abu Mustafa/ Reuters

Die jüngste israelische Offensive im Krieg gegen die Hamas richtet sich gegen das "zweite" Gaza. Dieses ist unterirdisch verborgen, ziemlich ausgeklügelt und zu verschiedenen Zwecken errichtet worden. Es besteht aus einem weit verzweigten Netzwerk an Waffenwerkstätten, Lagerräumen, Raketen-Abschussrampen und Tunneln. 

Für jenen unterirdischen Gang, durch den am Donnerstag dreizehn schwerbewaffnete Hamas-Kämpfer nach Israel eindringen wollten, musste man lange graben. Er lag zwanzig Meter unter der Erde, war 800 Meter lang und solide mit Zement ausgekleidet. Die israelische Armee fing die Kämpfer rechtzeitig ab und die Bewohner des nahegelegenen Kibbutz Sufa blieben unversehrt. Am Samstagmorgen schlug ein erneuter Versuch, auf diese Weise Israelis anzugreifen, fehl.

"Wir wissen mit Raketenangriffen umzugehen, dafür haben wir Sirenen und Schutzräume, aber nicht mit Terroristen, die hier bei uns auftauchen, Soldaten entführen und einen Kibbutz angreifen", sagt Gadi Shamni, ein ehemaliger Armeebefehlshaber im Gazastreifen. Die Tunnel hält er für eine "strategische Bedrohung". Durch einen solchen Gang war auch 2006 der Grenzsoldat Gilad Shalit verschleppt worden.

Nachts ein Bohren und Hämmern

Aus der Luft lassen sich solche Tunnel kaum nachhaltig zerstören. Man hat es bei der letzten Konfrontation 2012 versucht, aber sie waren bald wieder intakt. Deshalb hat die israelische Armee nun Bodentruppen in den Einsatz geschickt. Dreißig solche unterirdischen Gänge soll es am nordöstlichen Rand des Gazastreifens geben. Fünf davon sind in den vergangenen zwei Jahren entstanden. Israelis, die nahe am Gazastreifen wohnen, erzählen, dass sie nachts manchmal ein Bohren und Hämmern hören.  

Seit die Hamas 2007 in Gaza die Macht übernahm, hat sie in diesem Bereich eine wahre Expertise entwickelt. Es gibt mehrere Arten von Tunneln. Jene im Inneren des Gazastreifens dienen als Fluchtwege für Kämpfer und hohe Mitglieder, die sich vor Angriffen schützen wollen; nach israelischen Informationen versteckt sich die gesamte Führung seit Beginn der Auseinandersetzungen in unterirdischen Betonbunkern. Die in Richtung des israelischen Staatsgebiets gegrabenen Tunnel dienen Angriffen. Die Israelis nennen sie "Terrortunnel".  

Grabende Kinder als Märytyrer

Das dichteste Tunnel-Netzwerk besteht aber an der Grenze zu Ägypten. Auf diesem Weg werden Waren, Geld, Waffen und Waffenbausteine nach Gaza geschmuggelt. Das geschieht unter offizieller Kontrolle der Hamas, die dazu eigens eine Behörde geschaffen hat. Diese Verbindung nach draußen gilt als "Lebensader" des von allen Seiten weitgehend blockierten Gebiets. Alle Güter und Materialien, die Israel und Ägypten aus Sicherheitsgründen nicht hineinlassen, finden so trotzdem ihren Weg. 

Weit über 1.000 Tunnel sollen es im Grenzgebiet sein, mit einer Standardlänge von knapp einem Kilometer. Weil es inzwischen an Platz mangelt, gibt es an manchen Stellen bereits Tunnel-Etagen. Versuche von ägyptischer Seite, wenn auch oft nur sehr halbherzig, den regen Schmuggel zu unterbinden, wurden mit immer ausgefeilteren Methoden überwunden. Als die Ägypter eine Stahlwand in den Boden des Grenzgebiets einließen, ging das Graben einfach noch tiefer – bis zu vierzig Meter unter der Erde. Eine Zeitlang gehörten die Tunnelarbeiter zu den bestbezahlten Löhnern in Gaza. Wenn sie bei der Arbeit umkamen, wurden sie von den Islamisten als Märtyrer gefeiert, die für den Widerstand tätig gewesen seien. Auch sind nach offiziellen Angaben mindestens 160 Kinder bei Grabungsarbeiten umgekommen.