Zerstörtes Haus nach einem israelischen Luftangriff in Gaza am 9. Juli © Ashraf Amrah/Reuters

Es ist selten, dass Israelis und Palästinenser einen Tathergang identisch beschreiben. Doch über die Umstände des Unglücks, das die Familie Kaware in Khan Younes ereilte, sind sich beide Seiten einig. Der Tod kam nicht überraschend. "Es begann mit einem Telefonanruf", berichtet ein offizielles Kommuniqué der Palästinensischen Autonomiebehörde in Übereinstimmung mit Armeeberichten.

Ein Soldat war in der Leitung: "Hier spricht der Militärgeheimdienst. Wir werden euer Haus bombardieren. Ihr müsst es sofort räumen", sagte er. Niemand im Haus von Odeh Karawe war überrascht: Er ist ein hochrangiger Kommandant der Hamas – und damit Ziel israelischer Luftangriffe. Alle packten sofort ihre Sachen und verließen das Gebäude. Kurz darauf hörten sie ein Krachen: Eine Drohne schoss eine leere Rakete, die auf dem Dach aufschlug: "Wir nennen das 'Anklopfen'", sagt Armeesprecher Major Arye Shalicar. Die Prozedur ist eine weitere Warnung.

Doch was dann folgte, kam völlig unerwartet. "Unsere Nachbarn stürmten ins Haus, um einen menschlichen Schutzschild zu formen", berichtete Muhammad Karawe später. "Manche liefen sogar auf das Dach, um durch ihre Präsenz dort den Angriff abzuwenden, andere waren noch im Treppenhaus." Aber es war zu spät.

"Der Pilot hatte seine Rakete bereits abgefeuert und konnte sie nicht mehr umleiten", sagte später ein israelischer Offizier. Sie traf das Haus, acht Menschen wurden tot aus den Trümmern geborgen, darunter auch Minderjährige, rund 40 Personen verletzt.

Hamas: mit bloßem Leib den Bomben trotzen

Die Tragödie der Karawes demonstriert die Komplexität des Kriegs in Gaza. Israel bombardiert Häuser von Hamas-Führern aus zwei Gründen. Als Strafe: "Jedem, der Raketen auf Israel abschießt, muss klar sein, dass er dafür persönlich einen Preis zahlen wird. Wenn die Hamas-Kommandeure wieder aus ihren Verstecken auftauchen, werden sie kein Zuhause mehr haben", sagt ein israelischer Offizier. Und als Prävention: "Die Häuser der Offiziere dienen oft als Waffendepots und Kommandozentralen", erklärt Shalicar. Doch man achte behutsam darauf, so wenige Zivilisten wie möglich zu treffen. Und zwar nicht nur, so Shalicar, weil "unsere Werte uns das vorschreiben", sondern aus realpolitischen Gründen: Israel kann in Gaza nur agieren, wenn die Welt die Zahl der unbeteiligten Opfer dort toleriert. Je mehr tote Zivilisten, desto weniger Handlungsspielraum für das Militär. Und desto mehr Sympathien für die Hamas.

Deswegen warnt Israels Armee, laut Shalicar "als einzige auf der Welt", Gazas Zivilisten vor Angriffen gleich zweimal: zuerst per Telefon oder SMS, danach mit einer leeren Rakete aufs Dach. "Wenn wir sehen, dass zu viele Unschuldige getroffen werden könnten, brechen wir den Angriff ab", sagt Shalicar. Was sich die Islamisten zynisch zunutze machen: "Die Strategie, dass Zivilisten bereit sind, sich im Kampf gegen israelische Kampfflugzeuge zu opfern, um Häuser zu schützen, ist effektiv. Wir, die Hamas, rufen die Menschen dazu auf, diese Praktik zu übernehmen", sagte Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri. Das Innenministerium der Hamas forderte die Bevölkerung am Donnerstag auf, "den Anrufen der Armee nicht Folge zu leisten und in den Häusern zu bleiben". Poster rufen dazu auf, mit bloßem Leib den Bomben zu trotzen, statt sich in Sicherheit zu bringen.

"Wir bombardieren, auch wenn sie bleiben"

Armeesprecher Shalicar sieht es so: "Das ist genau der Unterschied zwischen uns: Wir tun alles, um Zivilisten zu schonen, während die Hamas Unschuldige als Schutzschild und zu Propagandazwecken missbraucht." Doch jetzt denkt man um: "Fortan werden wir bombardieren, auch wenn sie bleiben. Sie sollten die Häuser lieber verlassen", sagte ein Offizier der Tageszeitung Haaretz.

Freilich verläuft nicht immer alles nach diesem Strickmuster: Bei gezielten Tötungen von Hamas-Führern kommt der Tod ohne Vorankündigung. Und oft irrt sich die Armee schlicht. Wie anscheinend beim Angriff auf das Strandcafé Waqt al-Marah in Khan Younes am Mittwochabend. Palästinenser schauten sich dort das Halbfinalspiel der Fußball-WM an, als eine Rakete in der Menge einschlug und neun Menschen tötete. Ziel der Aktion soll das Haus eines Hamas-Kommandanten gewesen sein, sagt Shalicar. Was jedoch genau vorfiel, weiß er nicht: "Wir überprüfen diesen Zwischenfall noch." So lag die Zahl der Toten Donnerstagabend insgesamt bereits bei 78. Nach Angaben aus Gaza waren zwei Drittel von ihnen Zivilisten.