Nichts macht wütender als der Argumentationsstrang, der den völkerrechtswidrigen Terror der Hamas als zwingendes Resultat der israelischen Besatzung beschreibt. Palästinenser hätten keine Wahl: So viele arme Menschen, die auf so engem Gebiet eingepfercht seien, und dazu noch besetzt. Was können sie denn anderes tun, als Raketen zu feuern? Wäre nicht jeder bereit, sich zornig und mit aller Gewalt zu wehren, vorausgesetzt, man unterdrückt ihn lang und hart genug?

Erst einmal zu den Fakten: So klein, eng und arm ist Gaza gar nicht. Singapur ist bloß doppelt, Hongkong nur drei Mal so groß, aber mit der dreifachen und vierfachen Einwohnerzahl. Gaza ist gesünder als Ägypten, wo die Kindersterblichkeit höher, die Lebenserwartung niedriger ist. Und Gaza ist reicher als Jemen. Zweifellos leidet der Landstrich unter Israels Besatzung. Aber ist Terror tatsächlich die einzige logische Antwort auf Fremdherrschaft? Würde jemand das mal bitte dem Dalai Lama erklären?

Terror ist nicht Folge, sondern Ursache der jetzigen Situation. Wer glaubt, Israel seien fanatische Nachbarn lieber als ein florierender Businesspartner, versteht vom Judenstaat so wenig wie von den Islamisten. 

Israels Räumung Gazas mit dem Abriss von 22 Siedlungen 2005 hätten deswegen ein Neuanfang sein können: Es hätte das Singapur des Nahen Ostens werden können. Ideal gelegen zwischen Afrika, Europa und Asien, mit weißen Stränden und gebildeten Einwohnern, hätte Gaza an seine jahrtausendealte Tradition anknüpfen können. Die Stadt am Mittelmeer war die meiste Zeit der Geschichte größer, bedeutender und reicher als das arme, heruntergekommene Bergdorf in den Hügeln Judäas namens Jerusalem.

Aber nein: Die Hamas nutzt den Beton, der allen Einfuhrbeschränkungen zum Trotz eingeschmuggelt wird, um Raketendepots zu bauen, nicht Schulen. Sie gibt ihr Geld lieber für Kämpfer statt für Strom aus. Und erntet nun, was sie sät.

Doch auch Israel hängt einem Trugschluss an: Siedlungsbau ist nicht die richtige und erst recht nicht die einzige Antwort, weder auf Terror noch auf einen pragmatischen Partner wie Mahmud Abbas. Wenn die einzige Frage, die Israels Regierung sich heute stellen kann, lautet: "Soll ich Gaza bombardieren oder nicht?", dann hat sie es im Vorfeld versäumt, eine dritte Alternative zu schaffen. Kein Staat muss Raketenbeschuss dulden. Aber er darf Extremisten auf der anderen Seite nicht durch eigene Provokationen so viel Rückhalt schaffen.

Vieles, was über Israelis und Palästinenser geschrieben wird, ist falsch. Aber nichts ist falscher als die Behauptung: Sie konnten nicht anders. Es ist zu spät, um diesen neuen Schlagabtausch noch zu verhindern. Doch vor dem nächsten Krieg müssen sich die Führungen auf beiden Seiten an eines erinnern, bevor mehr unschuldige Menschen sterben: Sie haben eine Wahl.