ZEIT ONLINE: Die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) beherrscht seit Wochen Mossul – kam es für Sie überraschend, dass sie die Macht übernehmen konnte?

Mosul Eye*: Überraschend war nur der Zeitpunkt. Viele wussten zuvor, dass eine große Operation geplant war, aber niemand wusste welche genau und wann. Isis war schon länger in Mossul aktiv. Sie hatten zeitweise die Teile der Stadt unter Kontrolle, die die irakische Armee nicht zu betreten wagte. Schon bevor sie die Stadt eingenommen haben, waren die Islamisten wegen Bombenattentaten und Schutzgelderpressungen gefürchtet. Sie haben von Händlern und Geschäftsinhabern monatliche Zahlungen verlangt. Wer nicht zahlen wollte, wurde umgebracht. Viele sind so gestorben. Die Regierung hat davon gewusst, es aber ignoriert. Im Grunde ist also die Angst, die herrscht, dieselbe wie vor der Machtübernahme von Isis. Nur kontrollieren sie jetzt das ganze Gebiet.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Einwohner darauf reagiert?

Mosul Eye: Dass Isis die Kontrolle über Mossul übernommen hat, wurde in den ersten Tagen willkommen geheißen. Einerseits, weil die Menschen hofften, so endlich der Grausamkeit von Regierung, Armee und Polizei zu entkommen, die oft brutal mit ihnen umgingen. Andererseits ist Mossul auch im Vergleich zum restlichen Irak sehr konservativ, das islamische Recht wurde von vielen schon vor Isis gefordert. Auf diese Konservativen stützt sich Isis. Ein großer Teil der Einwohner Mossuls hat kein Problem mit der Anwesenheit von Isis und der Anwendung der Scharia. Ich habe mit vielen darüber diskutiert. Die meisten haben sich darauf berufen, dass die Mitglieder von Isis doch auch Muslime seien, wie sie selbst. Also gäbe es kein Problem. Sie erhoffen sich von den neuen Machthabern eine Verbesserung der Lebensstandards wie zum Beispiel höhere Löhne. Sie akzeptieren und unterstützen Islamisten teilweise und haben trotzdem gleichzeitig Angst. Das ist ein Widerspruch im Bewusstsein – sie sind für die Herrschaft von Isis, lehnen aber gleichzeitig ihre Gewalttätigkeit und die harschen Regeln ab.

ZEIT ONLINE: Und wie ist die Situation in Mossul jetzt? Wie gehen die Menschen mit der Situation um?

Mosul Eye: Viele Märkte sind gesperrt, offizielle Büros geschlossen. Die Menschen haben Angst davor, was Isis tun könnte, wenn sie sich dauerhaft in Mossul niederlassen. Isis verhält sich jetzt anders als in den ersten Tagen. Sie haben begonnen, die Scharia einzuführen. Gefesselte Leichen tauchen seitdem überall in der Stadt auf. Es herrscht Ohnmacht, das Gefühl, dass die gewählten Regierungs- und Parlamentsmitglieder Mossul aufgegeben haben und es den Wölfen überlassen. Der größte Schlag für die Einwohner der Stadt war, als das Parlament eine wichtige Sitzung um eine Woche verschoben hat, weil sich die Politiker nicht einigen konnten. Die haben keine Ahnung, was eine weitere Woche unter der Kontrolle von Isis für diese Stadt bedeutet. Jeder Tag, der vergeht, ohne dass eingegriffen wird, bedeutet mehr Hunger, Zerstörung des sozialen Systems, Zusammenbruch der friedlichen Werte und auch mehr Gewalt. Die Stadt lebt in einem Zustand ständiger Angst.

ZEIT ONLINE: Wie verhalten sich die Kämpfer von Isis und wer sind sie?

Mosul Eye: Sie reisen ihn ihren Autos und bleiben oft für sich. Mit einigen konnte ich trotzdem sprechen. Nur wenige Kämpfer von Isis kommen aus dem Ausland. Die meisten, die mir begegnet sind, sind Iraker aus Mossul, vorwiegend aus den Außenbezirken. Ich habe auch viele Kinder gesehen, die Isis freiwillig beigetreten sind. Sie waren oft nicht älter als 15, die Gewehre größer als sie selbst. Aber ich habe auch einen Amerikaner mit chinesischen Wurzeln getroffen. Ich war verwundert, wie er zu Isis gehen konnte, und habe ihn danach gefragt. Er sagte: "Ich bin Muslim und habe in Syrien gekämpft. Ich bin dem Ruf Gottes gefolgt." Darauf wusste ich keine Antwort, ich habe ihn angelächelt und nichts erwidert. 

ZEIT ONLINE: Wie sieht Ihr eigener Alltag in Mossul in diesen Tagen aus?

Mosul Eye: Ich beginne jeden Tag damit, durch die Straßen zu laufen, ich beobachte, was in der Stadt passiert. Mein Handy lasse ich zu Hause. Ich habe Angst, dass mich die Truppen von Isis anhalten und es durchsuchen. Wenn sie darauf die Updates für mein Blog finden ... Vor einigen Tagen haben sie mich dann tatsächlich angehalten. Einer hatte einen Laptop mit einer Namensliste und wollte meinen Namen wissen. Ich habe gezögert. Ich hatte Angst, dass ich auf der Liste stehe, weil ich einige Artikel zu religiös motivierter Gewalt und Terrorismus veröffentlicht habe. Am Ende habe ich ihnen meinen Namen genannt und durfte weitergehen. Auf dem Heimweg dachte ich, dass meine Zeit noch nicht gekommen ist. Ich habe zwar keine Angst mehr davor, zu sterben, aber ich will leben. Ich liebe das Leben.

ZEIT ONLINE: Wie könnte die Zukunft des Iraks aussehen?

Mosul Eye: Es ist schwer, eine Einschätzung abzugeben, weil sich die Dinge hier so schnell entwickeln. Ich glaube nicht, dass Isis Mossul auf Dauer halten kann. Vielleicht läuft es darauf hinaus, dass der Irak in verschiedene Staaten geteilt wird. Das hängt davon ab, wie sich die Regierung in Bagdad verhält und ob die Kurden ihre Unabhängigkeit erklären oder nicht. Den größten Einfluss auf den Irak haben aber meiner Meinung nach die Entwicklungen in Syrien. Ich habe Angst davor, dass Isis einen konfessionsgebundenen Krieg in der ganzen Region auslösen könnte. Wenn das passiert, brennt die Region in einem Feuer, das sich nicht löschen lässt.

* Der Name "Mosul Eye" ist ein Pseudonym. Aus Sicherheitsgründen hält der Blogger seine Identität geheim.