Jeder Krieg macht unversöhnlich, brutalisiert und verroht. In dem Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis gilt dies für beide Seiten. Jawohl: auch für die Israelis.

Dies zu sagen, hat nicht das Geringste mit Antisemitismus zu tun. Nach Auschwitz und Theresienstadt und Bergen-Belsen muss der in Deutschland tabu sein und bleiben, und wir dürfen ihn uns auch nicht von muslimischen Einwanderern ins Land schleppen lassen. Aber das kann und darf uns nicht daran hindern, das Handeln des Staates Israel nach denselben Maßstäben des Völkerrechts, zumal des Kriegsrechts zu beurteilen und notfalls zu verurteilen, die wir allen anderen Staaten anlegen. Wer Putin anprangerte, weil er das tschetschenische Grosny in Schutt und Asche legen ließ, darf nicht schweigen, wenn Benjamin Netanyahu Gaza-Stadt in eine Trümmerwüste verwandelt.

Wir haben Mitleid mit allen Israelis, die der Raketen-Regen der Hamas seit Wochen immer wieder in die Schutzräume jagt. Diese Raketen haben mittlerweile eine ziemlich flächendeckende Reichweite, aber sind ein leichtes Opfer für die israelische Abwehr, die 90 Prozent von ihnen vom Himmel holt. Auch sind es keine V-1 oder V-2, die deutschen Lenkwaffen Wernher von Brauns, die im Zweiten Weltkrieg London verheerten; die wenigen, die es bis zum Einschlag schaffen, richten nur geringen Schaden an. Bisher haben die Raketensalven der Hamas erst drei israelische Todesopfer gefordert; 43 israelische Soldaten fielen beim Einfall in den Gazastreifen, 130 wurden verwundet.

Ganz anders die Wirkung des israelischen Bombardements in Gaza. In dem kleinen Küstenstreifen starben seit dem Beginn des Konflikts über 1.060 Menschen, zwei Drittel davon Zivilisten, ein Viertel Kinder; dazu gab es 6.000 Verletzte. Und Gaza-Stadt sieht weithin so trostlos aus wie das tschetschenische Grosny, als die russische Armee damit fertig war.

Selbstverständlich hat Israel ein Recht auf Selbstverteidigung. Doch immer bei der Anwendung militärischer Gewalt ist das oberste Gebot, die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren. Gegen dieses Gebot hat Israel sträflich verstoßen. Es ist zynisch, die Leute zum Verlassen ihrer Wohnung aufzufordern, sie dann aber nicht nur in Schulen und Krankenhäusern, sondern auch in UN-Schutzstätten zu bombardieren, wo sie Zuflucht gefunden haben.

Wir dürfen Mitleid mit ihnen haben. Mitleid ist kein Antisemitismus. Und die Netanyahu-Versteher im Lande sollten aufhören, uns einzureden, dass der Ausdruck solchen Mitleids gleichsam der braune Bodensatz nazistischer Judenfeindschaft ist, der bis heute die deutschen Seelen trübt.

Auch ist es keine Judenfeindschaft, Kritik an konkreter israelischer Politik zu üben. Die Bundeskanzlerin hat das Existenzrecht Israels zu einem Teil der deutschen Staatsräson erklärt – und dies historisch einleuchtend begründet, obwohl sie nie gesagt hat, was wir denn im Ernstfall unternehmen würden, wenn dieses Existenzrecht von einer muslimisch-antizionistischen Koalition gewaltsam bestritten würde. Wer eine solch verpflichtende Haltung einnimmt, hat freilich auch die Berechtigung, sich darüber Gedanken zu machen, ob oder wie weit Israel denn die Zukunft seiner Existenz durch die eigene Politik sichert, erschwert oder gar gefährdet.

Und da gibt es in der Tat vieles zu kritisieren. Israels Invasion im Libanon hat 1982, ungewollt gewiss, den Aufstieg der Hisbollah befördert. Und die israelischen Eingriffe im Gaza-Streifen – "Sommer-Regen" 2006, "Gegossenes Blei" 2008/2009 – haben dort den Nährboden geschaffen, auf dem die Hamas gedeihen konnte. Das jetzige Unternehmen "Protective Edge" (Schutzrand), wird der Hamas neuen Auftrieb geben – auch im Westjordanland, wo Ministerpräsident und Fatah-Anführer Mahmoud Abbas einen gemäßigten, auf Ausgleich bedachten Kurs fährt. Die Israelis haben ihm dies nicht honoriert: Als Hamas und Fatah sich nach Jahren scharfer Gegensätzlichkeit vor kurzem wieder zusammentaten, gestatteten sie Abbas nicht, in Gaza zu übernehmen; sie brachen sogar die von den USA gemakelten Gespräche über eine Zweistaatenlösung ab, die schon Netanjahus ungebremste Siedlungspolitik an den Rand des Kollapses gebracht hatte.

Das ist noch nicht alles. Netanyahus ultranationalistischer Außenminister Avigdor Lieberman rief jetzt seine Landsleute dazu auf, arabische Geschäfte und Restaurants zu boykottieren – Apartheid lässt grüßen. Netanyahu selber, fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, erteilte jeder Zweistaatenlösung mit dem Hinweis auf die Raketenangriffe aus Gaza eine Absage: "Ich denke, dass das israelische Volk nun versteht, was ich immer sage: Es darf keine Lage entstehen, unter keinerlei Abkommen, in der wir die Sicherheitskontrolle über das Westjordanland aus den Händen geben." Der Friedensprozess ist damit erst einmal tot.

Ein dauerhafter Waffenstillstand müsste nun das erste Nahziel sein. Das zweite: die Öffnung humanitärer Korridore für Medikamente und Grundnahrungsmittel. Das dritte: die Beendigung der wirtschaftlichen Abschnürung des Gaza-Streifens. Das vierte: der Wiederaufbau Gazas (auch der mit EU-Geldern errichteten, von Israels Kampfjets zerstörten Anlagen). Das letzte Ziel hingegen – ein wirklicher Friedensschluss, Olivenzweige anstatt Raketen und Bomben – wird, wenn überhaupt je, noch lange nicht zu erreichen sein. Bis dahin ist gewaltfreie Nicht-Versöhnung wohl das höchste der Gefühle.

Da bleibt uns nur eines: nicht Sympathie mit den Scharfmachern, wohl aber Empathie mit den Opfern – auf beiden Seiten.