Die einzige Linie der Jerusalemer Stadtbahn, in Betrieb seit 2011, deckt ein Gebiet von knapp 14 Kilometern ab. Sie führt auch durch den palästinensischen Osten und galt bis gestern als ein Symbol alltäglicher Koexistenz von Juden und Arabern. An der Haltestelle im arabischen Viertel Shuafat – wo der ermordete arabische Junge Muhammed Hussein Abu Kheider als Märtyrer zu Grabe getragen wurde – ist nun das Stromkabel zerschnitten. Weiter kommt jetzt niemand mehr. Ein Bild, das triumphierend auf Facebook gepostet wurde, zeigt Palästinenser bei dem Sabotageakt, bevor die israelische Polizei eingreifen konnte.

Nur ein Vorfall von vielen, die sich in den letzten Tagen ereignet haben. Seither gab es Angriffe auf Juden in den arabischen Städten Israels, brannten im Westjordanland Reifen, explodierten Raketen aus Gaza in Sderot und wurden israelische Luftangriffe auf Gaza geflogen.

Wer das alles miteinander verbindet, muss sich die Frage stellen, ob man jetzt nicht doch am Beginn einer dritten Intifada steht, die ja schon so oft angekündigt wurde, aber dann doch nicht ausgebrochen ist. Haben die vier Ermordungen (der drei israelischen Jugendlichen im Westjordanland und dem arabischen Jugendlichen in Ost-Jerusalem) zu einem neuen Tiefpunkt in den israelisch-palästinensischen Beziehungen geführt?

In gewisser Weise waren Israel und die Palästinensergebiete, einschließlich Gaza, bisher Inseln der Stabilität in einem Meer von nahöstlichen Chaos. Ist es damit vorbei?

Die Erfahrung lehrt, dass sich solche Entwicklungen schwer vorhersagen lassen. Aber es gibt auch eine Reihe von Faktoren, die dafür sprechen, dass es nicht zu einer weiteren Eskalation kommt. Ägyptische Vermittler versuchen gerade dafür zu sorgen, dass es zu einem baldigen Waffenstillstand zwischen Israel und Gaza kommt. "Ruhe mit Ruhe beantworten" heißt das Motto – auf beiden Seiten. Solche Bemühungen sind schon einmal erfolgreich gewesen. Sie hatten dem Krieg zwischen Israel und der Hamas im November 2012 nach acht Tagen ein Ende gesetzt. Letztlich haben alle involvierten Parteien ein Interesse, dass sich die Lage jetzt bald wieder beruhigt.

Ruhe mit Ruhe beantworten

Würden in Ägypten noch die Muslimbrüder regieren, deren unmittelbare Nachbarschaft die Hamas in Gaza gestärkt hatte, wären die Chancen auf eine Waffenruhe sicherlich geringer. So kann die Hamas froh sein, dass Kairo überhaupt wieder zu ihr Kontakt aufnimmt. Zudem hat die Hamas ja bereits mit dem Bürgerkrieg in Syrien auch ihren treuen Unterstützer Assad verloren und sich letztlich aus Schwäche heraus einer Einheitsregierung mit der verfeindeten Fatah angeschlossen. Wenn sie nun zulässt, dass alle möglichen anderen islamischen Splittergruppen und Querschläger aus Gaza Raketen abfeuern, riskiert die Hamas dort einen Ansehensverlust. 

Wäre wiederum Israels Premierminister Benjamin Netanjahu über die Grenzen seines Landes hinaus nicht so stark in seinem Ruf angeschlagen, hätte er möglicherweise innenpolitischem Druck nachgegeben und eine breite Militäroffensive gegen die Hamas in Gaza gestartet. Und zwar ohne sich um internationale Legitimität zu scheren. Zudem hat der Mord an dem arabischen Jungen (auch wenn letztlich noch nicht klar ist, wer dahinter steckt) die Sympathien für Israel nach der Ermordung der drei israelischen Jugendlichen durch mutmaßliche Hamas-Mitglieder wieder schrumpfen lassen. In der palästinensischen Wahrnehmung jedenfalls – und das zählt im Nahen Osten oft mehr als bewiesene Tatsachen – geht der Mord schon jetzt auf das Konto fanatischer jüdischer Israelis. 

Schließlich muss Palästinenserpräsident Mahmud Abbas fürchten, dass sich eine erneute Intifada nicht nur gegen Israel, sondern auch gegen die Autonomiebehörde wenden würde. Er ist unbeugsam in seiner Verurteilung von Gewalt gegen Israelis, steckt damit aber auch in einem Dilemma. So haben ihn seine eigenen Leuten der Kollaboration verdächtigt, weil seine Sicherheitskräfte auf der Suche nach den Entführten mit Israel zusammengearbeitet haben. Ein Mob hatte deshalb eine palästinensische Polizeiwache überfallen, auch mehrere Autos der Palästinenserbehörde wurden zerstört.

Die nächsten 48 Stunden werden zeigen, in welche Richtung die Entwicklung geht. Solange die Raketen aus Gaza keine Israelis töten, und die Angriffe der israelischen Luftwaffe nur militärische Ziele treffen, bleiben die Aussichten auf eine baldige Waffenruhe realistisch. 

Für die Kinder in Sderot sind die gerade begonnenen Sommerferien schon jetzt mit einem traumatischen Déjà-vu verbunden, das sie nun schon ihr ganzes Leben lang begleitet: Sie sollen sich nur dort aufhalten, wo sie innerhalb von 15 Sekunden einen Schutzraum erreichen können. Am Freitag wurde deshalb ein ganzes Schwimmbad evakuiert.