Robert Leicht, 70, ist Politischer Korrespondent der ZEIT. Von 1992 bis 1997 war er ihr Chefredakteur. Seit 2010 ist er Vorstandsvorsitzender der Schule Schloss Salem e.V. © Nicole Sturz

Den Hinterbliebenen der 298 über der Ostukraine abgeschossenen Insassen wird es nur wenig helfen, wenn sie erfahren, ob die Zivilmaschine der Malaysian Airlines absichtlich von einer Rakete getroffen wurde oder ob es sich um einen Bedienungsfehler handelte. Was aber die politisch und militärisch Verantwortlichen an Ort und Stelle und jenseits der Grenzen angeht, kommt einem der Kommentar des damaligen französischen Außenministers Charles Maurice de Talleyrand nach der von Napoleon angeordneten Entführung und Hinrichtung des Herzogs von Enghien in den Sinn: "Es war schlimmer als ein Verbrechen, es war eine Dummheit."

In der Tat wird kaum jemand annehmen, die Täter hätten es absichtlich auf ein Verkehrsflugzeug abgesehen. Aber was die Dummheit angeht, stellen sich noch ganz andere Fragen – und an andere Leute als die unmittelbaren Täter.

Doch wo sind die Täter zu suchen? Gleicht man die Flugroute, den Absturzort und das Gebiet, in dem die von Russland munitionierten Rebellen in der Ostukraine die Oberhand haben, miteinander ab und zählt alle weiteren Indizien hinzu, so muss man schon sehr viel Mühe aufwenden, den gesunden Menschenverstand einzuschläfern, damit diese Rebellen aus der Verantwortung entlassen werden könnten. Es hat ja inzwischen niemand auch nur ein Indiz dafür genannt, dass der Abschuss von der ukrainischen Armee ausging, wohingegen die Rebellen sich bereits anderer Abschüsse (und wohl kurzfristig auch dieses) rühmten. Und schließlich macht das Verhalten der Rebellen nach der Tat, mit der sie eine vollständige und unabhängige Beweissicherung sabotieren, ihre Täterschaft noch dringlicher.

Nun aber zum Verhältnis von Dummheit und Verbrechen: Dass die antiukrainischen Freischärler im Osten der Ukraine zu äußerster Brutalität fähig sind, haben sie oft genug bewiesen. Aber wer hätte diesen wilden irregulären Haufen je mit regulären, gründlich ausgebildeten Truppen vergleichen wollen, die zum einigermaßen präzisen Umgang mit modernen, technologisch komplexen Waffensystemen befähigt sind? Abgesehen davon, dass Wladimir Putin ohnehin eine große Mitverantwortung dafür trägt, was seine Satrapen nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim nun in der Ostukraine anrichten – große Mitschuld an diesem verbrecherisch-dummen Abschuss trägt vor allem derjenige, der diesen Marodeuren militärisches Gerät zugänglich macht, das bei Fehlbedienung solche fürchterlichen Folgen für gänzlich unbeteiligte Zivilisten hat.

Nun kommt aber zu Dummheit und Verbrechen noch ein gerütteltes Maß an Zynismus hinzu. Da erklärt der russische UN-Botschafter im Weltsicherheitsrat allen Ernstes, die Verantwortung für eine solche Katastrophe liege allein bei dem Staat, in dessen Luftraum sie sich abgespielt hat. So wagt ein Botschafter vor der Weltöffentlichkeit zu reden, dessen Entsendestaat wesentlich daran beteiligt ist, dass die Ukraine eben nicht mehr über ihren gesamten Luftraum verfügen kann – vor allem nicht über den Teil, in dem sich die Katastrophe ereignete! Und Wladimir Putin schiebt die Schuld an dem Absturz darauf, dass die Kampfhandlungen von der ukrainischen Armee wieder aufgenommen wurden – als hätten sie sich die Schießereien der Rebellen widerstandslos gefallen lassen müssen und als hätten Putins Hintersassen deshalb – leider, leider – ein Verkehrsflugzeug abschießen müssen.

Manch einer hatte ja gehofft, diese Katastrophe könne zum Wendepunkt in dem ostukrainischen Insurrektionskrieg werden. Es heißt zwar, die Hoffnung sterbe zuletzt. Doch wer oder was stirbt noch, bevor es soweit ist?