Malaysia Airlines Live-Blog: OSZE-Beobachter berichten von einschüchternder Situation

Separatisten erschweren den Zugang zur Absturzstelle. OSZE-Beobachter melden, dass Wrackteile und Leichen bewegt wurden. Steinmeier warnt Moskau. Die Blog-Zusammenfassung
Prorussische Separatisten patrouillieren an der Absturzstelle © Robert Ghement/epa/dpa

Auch am zweiten Tag nach dem Absturz von MH17 haben prorussische Separatisten Beobachtern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) den vollständigen Zugang zur Absturzstelle verwehrt. "Wir wurden von Schwerbewaffneten streng beobachtet und mussten uns vorsichtig bewegen", sagte ein Sprecher der Organisation. Die OSZE-Mitarbeiter hätten beobachtet, wie Leichen von Unbekannten in Plastiksäcke gepackt und an den Straßenrand geräumt wurden. Auch Wrackteile wurden bewegt. Eine Erklärung für das Vorgehen gaben die Unbekannten nicht.

Auch ZEIT-Reporterin Alice Bota berichtete, dass maskierte Bewaffnete die Absturzstelle bewachten. Journalisten wurden am Zugang gehindert und durften nur kurzzeitig gemeinsam mit den OSZE-Beobachtern in die Nähe der Wrackteile. In diesem Zusammenhang sah Bota circa 20 Leichen, die noch nicht geborgen worden waren.

Der Eindruck unserer Reporterin, wonach einige der Separatisten betrunken wirkten, wurde später auf der Pressekonferenz der OSZE bestätigt. Dort berichteten die Beobachter der Organisation, dass alkoholische Getränke aus dem Wrack des Flugzeugs geplündert worden waren. Die Situation an der Absturzstelle beschrieben die OSZE-Mitarbeiter als "einschüchtern". Insgesamt hätten sie sich aber etwas freier bewegen können, als am Vortag.

Am Abend bestätigten die Separatisten, dass Leichen von der Absturzstelle transportiert wurden. Nach Angaben von Rebellensprecher Sergej Kawtaradse wurden "einige Dutzend Leichen" bewegt, die mitten in einer Ortschaft gelegen hätten. "Es war aus hygienischen Gründen unmöglich, sie weiter dort liegen zu lassen", sagte Kawtaradse. Die Leichen würden in Donezk ausländischen Experten übergeben.

Steinmeier warnt Russland

Kurz vor Eintreffen der OSZE-Beobachter hatte Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier Russland zum Einlenken in der Ukraine-Krise aufgefordert. "Moskau hat jetzt eine vielleicht letzte Gelegenheit zu zeigen, dass es wirklich ernsthaft an einer Lösung interessiert ist", sagte Steinmeier der Bild am Sonntag.

Steinmeier machte Russland mitverantwortlich für den Abschuss der Passagiermaschine. Die Regierung in Moskau habe in den letzten Wochen die Separatisten nicht erfolgreich von ihrem gefährlichen Tun abgehalten, das Einsickern von Waffen sei weitergegangen. "Dass Leute mit russischem Pass wie Igor Strelkow – oder wie auch immer er sich gerade nennt – auf der Krim, in Slowjansk und jetzt in Donezk weiter ihr Unwesen treiben können, ohne dass Russland dem Einhalt gebietet, ist jetzt noch unverständlicher", sagte Steinmeier.

Deutschland diskutiert Blauhelmeinsatz

In Deutschland wird unterdessen der Einsatz von UN-Blauhelmen diskutiert. "Wir brauchen jetzt schnellstmöglich einen international überwachten Waffenstillstand", sagte der  Unionsfraktionsvize Andreas Schockenhoff der Rheinischen Post. Es könne nicht mehr so weitergehen, dass es immer nur einseitig eingehaltene Feuerpausen gebe.

Der Russland-Koordinator der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD), hält die Überlegung für voreilig. "Solange die Konfliktparteien noch nicht einmal kontinuierlich verhandeln, geschweige denn sich auf einen Friedensplan verständigt haben, machen Blauhelme keinen Sinn", sagte der SPD-Politiker der Welt am Sonntag.

Am frühen Nachmittag sprachen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Wladimir Putin für eine internationale Aufklärung des Absturzes aus. Bei einem Telefonat stimmten beide darin überein, dass eine Kommission unter Leitung der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) rasch Zugang zur Absturzstelle erhalten müsse.

Das Live-Blog vom Freitag finden Sie hier. Die Ereignisse des heutigen Tages im Überblick:

  • (19:48) Nach Angaben der OSZE-Beobachter erfolgte der Zugang zur Absturzstelle auch heute nicht "frei" und "transparent", aber im Vergleich zu gestern insgesamt leichter. Das berichtet unsere Reporterin vor Ort, Alice Bota, von der Pressekonferenz der Organisation. Die Stimmung sei aber auch heute einschüchternd gewesen.

    Auf der Pressekonferenz bestätigte die OSZE auch, dass Leichen und Wrackteile "bewegt" worden seien. Meldungen, wonach 30 Körper in die Leichenhalle von Donezk abtransportiert wurden, wollten die Beobachter aber nicht bestätigen.

    Laut OSZE-Angaben verzögert sich die Ankunft von internationalen Experten weiter, weil ihre Sicherheit nicht gewährleistet werden kann. Die Separatisten hatten am Nachmittag erklärt, den von der ukrainischen Regierung ausgerufenen Sicherheitskorridor um die Absturzstelle nicht garantieren zu können.

    ZEIT-Redakteurin Bota hatte an der Absturzstelle den Eindruck, dass mehrere Separatisten betrunken waren. Die OSZE bestätigte diesen Eindruck: Duty-Free-Flaschen mit alkoholischen Getränken wurden aus dem Wrack geplündert.

  • (18:13) Die Situation an der Absturzstelle ist angespannt: Das gesamte Gelände wird von maskierten Bewaffneten kontrolliert, die den Zugang verhindern, berichtet ZEIT-Redakteurin Alice Bota. Als die OSZE-Beobachter ankamen, wurden kurzzeitig auch Journalisten in die Nähe der Wrackteile gelassen. Unsere Reporterin vor Ort sah 20 bis 30 Leichen, die bisher noch nicht geborgen wurden; der Verwesungsprozess hat bereits eingesetzt. Als die OSZE-Mitarbeiter das Gelände verließen, mussten auch die Journalisten gehen. Andere westliche Experten scheinen bisher noch nicht vor Ort zu sein.

  • (17:50) Der niederländische Außenminister Frans Timmermans ist in Kiew eingetroffen. "Meine erste Priorität ist, unsere Leute nach Hause zu holen. Die Familien möchten ihre Verwandten begraben", sagte Timmermans bei einem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. 

    Mit Blick auf die Täter sagte Timmermans, man werde nicht ruhen, "bis die Schuldigen vor Gericht stehen". Dies schließe "nicht nur die ein, die auf den Knopf drückten, sondern auch jene, die das möglich machten".

  • (16:38) Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind erneut am vollständigen Zugang zur Absturzstelle gehindert worden. Laut Angaben der Organisation wurde die Arbeit von bewaffneten Separatisten behindert. "Wir wurden von Schwerbewaffneten streng beobachtet und mussten uns vorsichtig bewegen", sagte der OSZE-Sprecher. 

    Die OSZE-Mitarbeiter hätten beobachtet, wie Leichen von Unbekannten in Plastiksäcke gepackt und an den Straßenrand geräumt wurden. Eine Erklärung für das Vorgehen gaben die Unbekannten nicht. 

    Die OSZE hatte zuvor gefordert, dass die Unglücksstelle unberührt bleibt, bis unabhängige Experten eintreffen.

  • (16:30) Die am Morgen ausgehandelte Sicherheitszone für den Ort des Absturzes kann von Teilen der Separatisten nicht garantiert werden. Die von Kiew vermeldete dahingehende Einigung gebe es nicht, sagte der Vorsteher der selbsternannten Volksrepublik Donezk, Alexander Borodai.

    "Wir sind bereit, alles zu tun, um die Sicherheit der Experten zu gewährleisten", betonte Borodai. Die Unglücksstelle befinde sich aber in einem Kampfgebiet, weswegen sich die Lage sich "jeden Moment ändern" könne.

  • (15:42) Zwei Spezialisten des Bundeskriminalamtes (BKA) sind auf dem Weg in die Ukraine. Sie sollen dabei helfen, die Opfer des MH17-Absturzes zu bergen und identifizieren. Sie sollen am Nachmittag in Kiew ankommen und sich einem größeren Team von Identifizierungsexperten aus den Niederlanden und voraussichtlich auch aus der Ukraine anschließen.

  • (14:20) Angesichts des Absturzes des Flugzeuges MH17 hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier Russland aufgefordert, sich für ein Ende des Ukraine-Konflikts einzusetzen. "Moskau hat jetzt eine vielleicht letzte Gelegenheit zu zeigen, dass es wirklich ernsthaft an einer Lösung interessiert ist", sagte er der Bild am Sonntag.

    Das "fürchterliche Opfer" der Passagiere des in der Ostukraine offenbar abgeschossenen MH17 dürfe nicht vergebens gewesen sein. "Jetzt ist der Moment, dass alle innehalten und sich klar machen müssen, was uns allen blühen kann, wenn wir die Eskalation nicht stoppen", sagte Steinmeier. "Wir brauchen dringend einen beidseitigen Waffenstillstand und eine effektive Kontrolle der Grenze zu Russland."

    Steinmeier machte Russland mitverantwortlich für den Abschuss. Die Regierung in Moskau  habe in den letzten Wochen die Separatisten nicht erfolgreich von ihrem gefährlichen Tun abgehalten, das Einsickern von Waffen sei weitergegangen. "Dass Leute mit russischem Pass wie Igor Strelkow – oder wie auch immer er sich gerade nennt – auf der Krim, in Slowjansk und jetzt in Donezk weiter ihr Unwesen treiben können, ohne dass Russland dem Einhalt gebietet, ist jetzt noch unverständlicher."

    Letztlich, so Steinmeier, mache es keinen Unterschied, ob der Abschuss von MH17 volle Absicht oder ein schreckliches Versehen gewesen sei. "Wer solche Waffen einsetzt, nimmt die Katastrophe in Kauf." Es mache ihn unglaublich wütend, dass so etwas mitten in Europa wieder denkbar geworden ist. "Man muss befürchten, dass die Separatisten sich auch jetzt, angesichts der fürchterlichen Katastrophe von MH17, nicht an die grundlegendsten Regeln unserer Zivilisation halten. Das ist schockierend und empörend zugleich!"

  • (13:44) Gernot Erler, Russland-Koordinator der Bundesregierung, hält die Überlegungen über einen UN-Blauhelmeinsatz in der Ukraine für voreilig. "Solange die Konfliktparteien noch nicht einmal kontinuierlich verhandeln, geschweige denn sich auf einen Friedensplan verständigt haben, machen Blauhelme keinen Sinn", sagte der SPD-Politiker der Welt am Sonntag.

    Alle Kraft müsse sich jetzt darauf richten, nach der Tragödie des Absturzes eines malaysischen Passagierflugzeugs "alle Beteiligten im Ukraine-Konflikt auf eine dauerhafte Feuerpause und einen nachhaltigen Verhandlungsprozess zu verpflichten".

  • Mehr Beiträge laden


Verlagsangebot

Gebt auf euch Acht!

Wenn ein Mensch krank ist, gerät auch das Leben seiner Liebsten ins Wanken. Wie Familie und Freunde helfen können und dabei selbst gesund bleiben. Jetzt in der neuen ZEIT.

Hier lesen

Kommentare

842 Kommentare Seite 1 von 59 Kommentieren