Die Absturzstelle nahe Grabowo unweit der Stadt Donezk ist mit Trümmern übersät, rund um die Aufprallstellen liegen Trümmerteile und Gepäckstücke verstreut, völlig entstellte Leichen sind zu sehen, wie Augenzeugen schildern. Dort beginnen jetzt Experten der Organisation OSZE mit der Suche nach der Ursache des Flugzeugunglücks. Beim Absturz des Flugs MH17 von Malaysia Airlines waren 298 Menschen gestorben, mehr als 100 Leichen sind bereits geborgen.

Dass eine Rakete die Boeing 777-200 traf, daran zweifelt keiner mehr.

Dass die in der Region herrschenden prorussischen Separatisten das Geschoss abfeuerten – davon sind die USA überzeugt, die sich unter anderem auf Geheimdienst-Erkenntnisse beziehen. Die Boden-Luft-Rakete hob demnach in dem Separatistengebiet ab. Ob auch Russland beteiligt war, bleibt unklar. "Wir können nicht ausschließen, dass russisches Personal beim Betrieb dieser Systeme geholfen hat", sagte die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power. 

Die ukrainische Regierung in Kiew ist davon überzeugt, dass Russland für den Abschuss verantwortlich ist. Präsident Petro Poroschenko sprach von einem "terroristischen Akt". Die Regierung in Moskau wiederum verlangt eine "umfassende und objektive Untersuchung", weitere Staaten schlossen sich an, darunter auch die Bundesregierung.  Der UN-Sicherheitsrat bekräftigte die Forderung. Beobachter gehen davon aus, dass sich die Separatisten – sollten sie denn die Täter sein – dadurch stark isoliert hätten.

Die Maschine war auf Reiseflughöhe unterwegs gewesen – etwa 10.000 Meter über dem Boden. Die Täter nutzten möglicherweise eine Rakete vom Typ Buk – ein von den Sowjets entwickeltes Luftabwehrgeschoss, das bis zu 25 Kilometer hoch fliegen kann. Zumindest hatten laut unbestätigter Berichte die Separatisten behauptet, ein solches erbeutet zu haben. Die Regierung in Kiew dementierte dies jedoch. Russland wies den Verdacht zurück, sein Militär habe den Abwehrkomplex oder sonstiges Kriegsgerät in das Nachbarland gebracht.

Etwa 30 OSZE-Fachleute landeten am Abend Ortszeit per Hubschrauber am Unglücksort. Vorausgegangen waren Verhandlungen mit den Separatisten über einen Korridor für den Zugang zu dem Gebiet. Von Interesse sind jetzt die Flugschreiber, von denen mehrere am Unglücksort lagen. Die ukrainische Regierung sprach von zwei Blackboxes, die Separatisten behaupteten, acht der zwölf Aufzeichnungsgeräte zu haben. Die OSZE-Leute wollen wenigsten einen Flugschreiber auswerten dürfen, um die Vermutung über die Unglücksursache erhärten zu können. Russland lehnte ab, von den Separatisten Flugschreiber zur Auswertung entgegenzunehmen.   

Allerdings beklagte die OSZE, dass die Separatisten ihnen keinen vollständigen Zuagng zur Unglücksstelle gewährten. Die in die Region entsandten Mitarbeiter könnten sich nicht in dem Maße frei bewegen, wie es für ihre Arbeit nötig sei, sagte der OSZE-Vorsitzende Thomas Greminger. Zudem sei die Absturzstelle nicht abgeriegelt. Das an die Absturzstelle entsandte Team habe sich rund 75 Minuten lang vor Ort aufgehalten und werde am Samstag abermals versuchen, vollen Zugang zu erhalten, sagte Greminger.

Zeitraffer-Video - Airlines umfliegen den Osten der Ukraine nach MH17-Absturz

In der Maschine starben auch 80 Kinder, weiterhin Fachleute, die zu einer internationalen Aids-Konferenz reisten. 192 der Opfer waren Niederländer, 28 Australier, 44 Malaysier, zwölf Indonesier, zehn Briten, vier Deutsche, vier Belgier, drei Philippiner, drei Vietnamesen, einer Amerikaner, einer Neuseeländer und einer Kanadier. 15 Menschen bildeten die Besatzung. Weltweit äußerten sich Staats- und Regierungschefs bestürzt. Flug MH 017 war um 12:15 Uhr von Amsterdam abgeflogen und sollte um 6:10 Ortszeit in Kuala Lumpur ankommen.

Der Luftraum über der Ukraine ist mittlerweile für zivile Flüge gesperrt. Die Airlines umfliegen das Land. Die USA und andere Staaten forderten das ukrainische Militär und die Separatisten auf, eine Waffenruhe zu erklären, um die Untersuchungen der Unglücksursache zu erleichtern – was der Chef der selbst proklamierten Volksrepublik Donezk, Alexander Borodai, aber ablehnte. Der UN-Sicherheitsrat tagte.  Großbritannien rief das Sicherheitskabinett zusammen. An Europas Börsen sanken die Aktienkurse.

Die Separatisten hatten zuletzt mehrfach zugegeben, ukrainische Kampfjets, Transportmaschinen und mehrere Hubschrauber abgeschossen zu haben. Allerdings dürften alle getroffenen Maschinen deutlich niedriger als die Boeing 777-200 geflogen sein. In so großer Höhe wie MH 017 traf selten ein Projektil ein Flugzeug. 1988 etwa schoss das US-Militär über dem Persischen Golf eine iranische Passagiermaschine ab – 290 Menschen starben. 1983 feuerten die Sowjets auf eine Maschine der Korean Airlines, angeblich hielten sie diese für ein Spionageflugzeug. Alle 269 Menschen an Bord kamen um. Ähnliche Vorfälle, teils mit weniger Opfern, gab es 1973 im Sinai, 1993 in Georgien oder 1998 im Kongo.       

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