1. Wer hat MH17 abgeschossen?

Die Hinweise darauf, dass die Boeing 777-200 der Malaysian Airlines abgeschossen wurde, sind erdrückend. Die Daten des Radars zeigen, dass MH17 von einem Moment auf den anderen verschwand. Auch funkten die Piloten keinen Hilferuf. Beides spricht gegen einen technischen Defekt. Experten sagten der New York Times, dass die Einschusslöcher im Flugzeugrumpf, die auf Fotos zu erkennen sind, für den Abschuss durch eine Boden-Luft-Rakete sprechen.

Doch wer hat MH17 abgeschossen? Am wahrscheinlichsten erscheint, dass Separatisten die Boeing 777-200 für ein ukrainisches Militärflugzeug hielten und es darum abschossen. Dokumentiert und vom ukrainischen Geheimdienst veröffentlicht sind mehrere Telefongespräche zwischen Kämpfern der Separatisten: In einem sprechen sie über einen Flugzeugabschuss und dass sie zur Absturzstelle gehen wollen, in einem anderen darüber, dass es sich offenbar um eine Passagiermaschine handelt. Dem Corriere della Sera und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bestätigten Separatisten, sie hätten unmittelbar den Befehl erhalten, an der Absturzstelle die Piloten festzunehmen.

Zudem gibt es Bilder, die dokumentieren sollen, wie Buk-Raketen vor dem Absturz in die Region um Donezk kommen und anschließend über die russische Grenze zurückgebracht werden. Ähnliches meldeten der Pressedienst der Donezker Volksrepublik und russische Nachrichtenagenturen.

Amerikas Außenminister John F. Kerry berichtete, amerikanische Behörden hätten den Start einer Buk-Rakete beobachtet, kurz bevor MH17 verschwand. Die USA behaupten zudem, belegen zu können, dass die Rakete in von Separatisten kontrolliertem Gebiet abgefeuert worden sei. Die russische Regierung weist die Schuld am Absturz weiterhin der Ukraine zu. 

2. Welches Raketensystem wurde verwendet?

Sowohl ukrainische Truppen als auch prorussische Separatisten sind in der Nähe der Absturzstelle und verfügen über Raketen, die ein Flugzeug in zehn Kilometern Höhe treffen können. Vieles spricht dafür, dass das Flugabwehrraketensystem der sowjetischen Buk-Reihe (zu Deutsch: "Buche") verwendet wurde. Es wurde Ende der 1970er Jahre entwickelt. Eine Buk-M-Batterie besteht aus je einem Radar- und Kommandofahrzeug sowie vier Startfahrzeugen mit je vier Raketen. Die Geschosse erreichen eine Höhe von bis zu 24.000 Metern und können damit Flugzeuge in Reisehöhe problemlos treffen.

Das System ist anspruchsvoll zu bedienen. Soldaten, die in der Luftabwehr gedient haben, können die Batterie aber steuern. Die prorussischen Separatisten gelten zwar als schlecht ausgebildet. Allerdings gibt es seit Langem Hinweise, dass professionelle Kämpfer aus Russland sie unterstützen. Das Buk-System klassifiziert Flugzeuge automatisch mit Hilfe eines Radars. Sind die technischen Parameter falsch eingestellt, kann es zu Verwechslungen zwischen Passagier- und Militärmaschinen oder Bedienfehlern kommen. Die russische sowie die ukrainische Armee besitzen Bestände des Buk-Systems. Im Juni sollen prorussische Separatisten eine Buk-Batterie erbeutet haben.

3. Was geschieht mit den Toten?

298 Menschen starben beim Absturz von MH17: 193 Niederländer, 44 Malaysier, 28 Australier, 12 Indonesier, 10 Briten, 4 Deutsche, 4 Belgier, 3 Philippiner, ein Kanadier und ein Neuseeländer.

Immer noch ist unklar, wie viele Leichen inzwischen geborgen wurden. Repräsentanten der Separatisten hatten angegeben, sterbliche Überreste von 282 Opfern gefunden zu haben. Sie wurden zwischenzeitlich in fünf Kühlwaggons gelagert. Fachleute haben allerdings nur 200 Leichensäcke gezählt, nachdem der Zug in der ukrainisch kontrollierten Stadt Charkiw angekommen war. Die ersten Leichen werden am Mittwoch in die Niederlande geflogen, bis Freitag soll der Transport abgeschlossen sein. Alle Opfer sollen in Hilversum identifiziert werden. Danach werden die Leichname in ihre jeweiligen Heimatländer überführt. Die niederländische Polizei hat 80 Beamte bereitgestellt, die jeweils einzelne Familien bei der Suche nach ihren Toten begleiten.

Wo die fehlenden Leichen sind, ist völlig unklar. Australiens Premierminister Tony Abbott vermutet, dass zahlreiche Opfer weiterhin auf dem Absturzfeld liegen. Beobachter der OSZE berichteten, mindestens noch an zwei Stellen Leichenteile gesehen zu haben.

4. Was behaupten die Separatisten?

Zwei wichtige Anführer der Separatisten haben sich zu dem Absturz offiziell geäußert. Igor Girkin, genannt Strelkow, ist russischer Staatsbürger und nach eigenen Angaben ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter. Er befehligt eine Miliz. Girkin hatte sich mit seinen Kämpfern wochenlang in Slowjansk verschanzt und war mit ihnen nach einem Angriff ukrainischer Truppen nach Donezk geflohen.  Unmittelbar nach dem Absturz des Flugzeugs wurde unter seinem Namen  im Internet ein Posting veröffentlicht, das später gelöscht wurde. Darin war die Rede von einem erfolgreichen Flugzeugabschuss – eines ukrainischen Militärflugzeugs. 

Alexander Borodai, ebenfalls Russe und selbsternannter Premierminister der Volksrepublik Donezk, ist ein Freund Girkins. Er hat sich nach dem Absturz kooperativ gegeben und die Flugschreiber Vertretern der malaysischen Behörden übergeben. Borodai hat wiederholt bestritten, dass die Separatisten für den Abschuss verantwortlich sind.

Trotz dieses Dementis und der internationalen Aufregung geht es mit den Flugzeugabschüssen in der Ostukraine weiter. Am Mittwoch meldete das ukrainische Militär den Abschuss von zwei Kampfflugzeugen der Armee. Die Jets seien nahe der Stadt Snischne getroffen worden, östlich der Rebellenhochburg Donezk.

5. Wie reagieren jetzt die Politiker im Westen?

Bisher haben die EU und die USA vor allem diplomatische Kontakte zu Russland eingeschränkt und einzelne Politiker und Wirtschaftsführer aus Putins Machtzirkel mit Kontensperrungen und Einreiseverboten belegt. Die Sanktionen entsprechen der Stufe eins und zwei. Vor Stufe Drei schreckte der Westen bisher zurück. Die USA waren zuletzt insofern die treibende Kraft, als dass sie auch russische Konzerne auf die Sanktionsliste setzten. Nun droht auch die EU damit, die Geschäfte zu einzelnen Industriesektoren einzuschränken – etwa im Rüstungssektor oder beim Austausch von Hochtechnologiegütern, die Russland dringend für die Ausbeutung seiner Rohstoffe braucht. Die EU könnte auch den Import von russischen Luxusgütern wie Diamanten oder Kaviar beschränken; im Gespräch ist offenbar auch die Einschränkung des Kapitalverkehrs. Bis zum Donnerstag dieser Woche soll die EU-Kommission weitere Sanktionen ausarbeiten, die Ende der Woche beschlossen werden könnten. Solche Sanktionen würden die ohnehin abstürzende russische Wirtschaft weiter schwächen. Sie bergen aber auch die Gefahr, dass die Weltwirtschaft zunehmend Schaden nimmt.

6. Wer soll die Wahrheit über den Absturz ans Licht bringen?

Der UN-Sicherheitsrat hat in einer Resolution eine unabhängige internationale Untersuchung des Vorfalls verlangt. Auch Russland hat dem zugestimmt. Niederländische Fachleute haben die Leitung der Untersuchungsmission übernommen. Das Team setzt sich zusammen aus Luftfahrtfachleuten und Forensikern aus den Niederlanden, aus Malaysia und der Ukraine. Es wird begleitet von Beobachtern der OSZE. Auch Experten der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO, von Interpol und aus Deutschland sind beteiligt.

Obwohl seit dem Absturz schon fast eine Woche vergangen ist, sich viele Personen über das Gelände bewegten und Spuren verwischten, gehen Luftfahrtexperten davon aus, dass die Ursache des Absturzes immer noch nachgewiesen werden kann. Joost Hulsenbek, ehemals Chef der Luftsicherheitsbehörde der Niederlande, sagte dem NRC Handelsblad, die Fachleute könnten die vorhandenen Flugzeugteile wie in einem Puzzle zusammensetzen. Auch werden sie nach chemischen Spuren von Raketentreibstoff suchen.  

Probleme bereitet den Ermittlern die Größe des Absturzgebietes. Die Teile des Flugzeugs sind Schätzungen zufolge in einem 35 Quadratkilometer großen Gebiet niedergegangen und deshalb schwer zu finden. Die Regierung in Kiew, die Separatisten, Russland und die OSZE hatten am 19. Juli eine Vereinbarung über eine 20 Quadratkilometer große Sperrzone getroffen. Das Areal wurde aber anschließend nicht gut gesichert.

Hoffnungen setzen die Ermittler in die Auswertung des Flugdatenschreibers und des Stimmenrekorders. Beide Beweisstücke wurden ins südenglische Farnborough gebracht. Die Chance, dass die Separatisten die Geräte manipuliert haben könnten, ist gering. Außer den Fachleuten in Großbritannien gibt es nur ein Institut in Paris, das die Aufzeichnungen auswerten kann.

Inzwischen hat auch die niederländische Staatsanwaltschaft eine Untersuchung eingeleitet. Sie prüft auf Mord, Kriegsverbrechen gegen Niederländer und gefährlichen Eingriff in den Luftverkehr. Auch das Bundeskriminalamt hat Ermittler in die Ukraine geschickt.

7. Muss Russland jetzt um die Fußball-Weltmeisterschaft fürchten?

Mehrere deutsche Politiker, eher aus der zweiten Reihe, fordern, die Fußball-WM 2018 nicht wie geplant in Russland auszutragen. Ihre Argumentation: Russland annektierte erst gegen das Völkerrecht mit militärischem Druck die Krim. Trotz erster Sanktionen unterstützte es danach die Separatisten im Osten der Ukraine. Auch deshalb eskaliert der Konflikt rund um die Millionenstadt Donezk . Hinzu kommt die Presseunfreiheit der meisten Medien in Russland und Zweifel an der Unabhängigkeit der russischen Gerichte. Deshalb solle sich Präsident Putin nicht im Glanz eines Weltereignisses wie der Fußball-WM präsentieren dürfen. Vor den Olympischen Spielen in Sotschi hatte es eine ähnliche Debatte gegeben. Das Problem: Nicht Politiker, sondern unabhängige Sportverbände wie das Internationale Olympische Komitee und der Weltfußballverband Fifa entscheiden über die Austragungsorte ihrer Events.