Am späten Donnerstagabend traf sich Wladimir Putin mit Ministern in seiner Datscha außerhalb Moskaus. Auf der Tagesordnung stand die wirtschaftliche Lage, doch von Business as usual konnte kaum die Rede sein. Stunden zuvor war die Nachricht vom abgestürzten Malaysia Airlines Flug MH17 um die Welt gegangen und Putin legte zu Beginn des Treffens eine Schweigeminute ein.

Die Tragödie wäre nicht möglich gewesen, wären die Kampfhandlungen nicht wiederaufgenommen worden, sagte der russische Präsident. Der Staat, auf dessen Territorium das Unglück passierte, trage "zweifellos" die Verantwortung, so Putin – damit beschuldigte er indirekt die ukrainische Regierung, die seit April vergeblich versucht, einen prorussischen Aufstand in der Ostukraine niederzuschlagen.

Putin wirkte zugleich betroffen und irritiert. Er sprach ohne Text und nannte den Absturz ein "Verbrechen", zu dessen Aufklärung auch seine Regierung beitragen würde. "Wir werden alles tun, damit ein objektives Bild von dem was geschehen ist, unserer Öffentlichkeit, der ukrainischen Öffentlichkeit und der ganzen Welt bekannt wird", sagte Putin.

Am heutigen Freitag gab das russische Verteidigungsministerium bekannt, dass der Unfallort in Reichweite von fünf ukrainischen Flugabwehrbatterien gewesen sei. Als "Dummheit" bezeichnete Putins Sprecher Dmitri Peskow den Vorwurf einer russischen Beteiligung am Absturz. Außerdem sagte Peskow dem Guardian, der Kreml werde vorläufig keine Kommentare zum Unglück mehr abgeben, da keiner wisse, wer verantwortlich sei.

Jeder findet einen Schuldigen

Die Mischung aus Zurückhaltung und Andeutungen aus dem offiziellen Moskau hinderte die Staatsmedien nicht daran, den Schuldigen zu finden. Während Berichte aus dem Westen immer deutlicher eine Spur zu den Separatisten aufweisen, zeigen die russischen Medien fast das genaue Gegenteil. 

Der Erste Kanal kritisierte die ukrainische Regierung dafür, dass sie gleich nach dem Absturz die Rebellen schuldig machte. Schließlich seien die ukrainischen Behörden für Flugrouten verantwortlich und hätten die MH17 bei Gefahr umleiten sollen. Der Sender berichtete von einem möglichen Abschuss der malaysischen Maschine durch einen ukrainischen Suchoi-Kampfjet und berief sich auf einen "englischen Experten", der behauptete, die Ukrainer hätten aus Versehen auf das Flugzeug geschossen. Sogar der Version, die Ukrainer hätten eigentlich Putins Iljuschin im Visier gehabt, wird nachgegangen: Bilder der Präsidentenmaschine werden neben der der Boeing gezeigt. Sie sind fast gleich groß und haben rote und blaue Streifen an den Seiten.

Es bleibt der Eindruck, dass nur die ukrainischen Streitkräfte – und nicht die Separatisten – das Buk-Flugabwehrsystem besitzen, das ein Flugzeug aus 10.000 Metern Höhe vom Himmel holen kann. Der Donezker Volksgouverneur Pawel Gubarew behauptete sogar, die Unglücksmaschine sei schon 200 bis 300 Kilometer vor dem Unfallort abgeschossen worden – also über einem Gebiet unter ukrainischer Kontrolle.

Egal zu welchem Ergebnis internationale Ermittler kommen werden: Im russischsprachigen Internet kursieren schon die wildesten Verschwörungstheorien – genau wie bei der Schießerei auf dem Maidan in Kiew Ende Februar oder dem Brand in Odessa, bei dem Dutzende prorussischer Demonstranten starben.

Dazu zählt etwa auch eine Meldung, in der es um einen spanischen Fluglotsen namens Carlos geht: Er soll aus Kiew eine Nachricht auf Twitter veröffentlicht haben, in der er behauptet, dass ukrainische Düsenjäger die MH17 abgeschossen hätten. Später sei sein Twitter-Account gesperrt worden. Der Separatisten-Führer Igor Strelkow verbreitete die Nachricht, viele der Passagiere der Maschine seien schon mehrere Tage vor dem Absturz tot gewesen.

Putin hat immer eine Verbindung zu den Separatisten bestritten und seine treuen Staatsmedien werden ihn auch dann nicht verraten, wenn das Gegenteil bewiesen werden kann. Staatsmännisch hält Putin seine Distanz zu den Aufständischen und appelliert sogar an alle Seiten, die Kämpfe zu beenden und Friedensgespräche zu beginnen.