Ein Arzt versorgt einen verletzten Palästinenser im Gaza-Stadtteil Schedschaia. © Finbarr O'Reilly/Reuters

Rettungskräften zufolge sind am Sonntag mindestens 96 Palästinenser durch die israelischen Angriffe getötet worden. Es ist die höchste Zahl von Toten durch israelische Angriffe auf den Gazastreifen seit fünf Jahren. Allein im östlich von Gaza-Stadt gelegenen Vorort Schedschaia habe es 62 Tote gegeben, sagte ein Sprecher der palästinensischen Rettungskräfte.

Auf den Straßen von Schedschaia rannten Tausende Zivilisten um ihr Leben, etliche Verletzte blieben in den Trümmern ihrer Häuser eingeschlossen. Im Schifa-Krankenhaus von Gaza wurden beinahe minütlich neue Opfer eingeliefert, darunter viele Kinder.

Nach Angaben palästinensischer Ärzte wurden seit Beginn der Bodenoffensive am Donnerstagabend 187 Menschen getötet, seit Beginn der Luftangriffe am 8. Juli insgesamt 430. Unter den Toten seien 112 Kinder, 41 Frauen und 25 ältere Männer. Zudem seien mehr als 3.000 Menschen verletzt worden.

Auf israelischer Seite wurden seit Beginn der Bodenoffensive 18 Soldaten getötet, 13 davon am Sonntag. Außerdem kamen zwei israelische Zivilisten ums Leben.

Dem Palästinensischen Zentrum für Menschenrechte (PCHR) zufolge haben seit Beginn der israelischen Offensive rund 130.000 Einwohner des Gazastreifens ihre Wohnhäuser verlassen. Die Zahl werde sich angesichts der israelischen Angriffe auf dichtbesiedelte Wohngebiete vermutlich noch erhöhen, teilte die Menschenrechtsorganisation mit. Besonders aus den Grenzgebieten zu Israel seien viele Menschen geflohen. Nach UN-Angaben ist mit 63.000 Menschen knapp die Hälfte der Flüchtlinge in Einrichtungen des Palästinenserhilfswerks UNWRA untergekommen.

Waffenruhe hält nur eine halbe Stunde

Auf Drängen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz hatten Israels Armee und die radikalislamische Hamas zuvor dem Vorschlag einer zweistündigen "humanitären Waffenruhe" zugestimmt. Eine halbe Stunde später erklärten Israels Streitkräfte die Feuerpause allerdings für gescheitert, weil die Hamas geschossen habe, und griff ebenfalls wieder an.

"Schedschaia ist ein ziviles Gebiet, wo die Hamas ihre Raketen, Tunnel und Kommandozentren hat", begründete die Armee ihre Offensive. Vor Tagen schon sei die Zivilbevölkerung zum Verlassen des Gebiets aufgerufen worden, die Hamas habe sie jedoch zum Bleiben aufgefordert "und damit in die Schusslinie gerückt".

Die palästinensische Regierung forderte die internationale Gemeinschaft zu einer "sofortigen Reaktion auf dieses Kriegsverbrechen" auf. Auch die Arabische Liga geißelte das "brutale Bombardement" des Gazastreifens als völkerrechtswidrig.

Kerry kündigt neue Nahost-Mission an

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bekräftigte unterdessen, dass sein Land tun werde, "was immer nötig" sei, um die Ruhe wiederherzustellen. Dann würden die "Operationen eingestellt", sagte er. Der israelische Verteidigungsminister Mosche Jaalon sagte, dass die Zerstörung eines Großteils der Tunnel im Gazastreifen binnen zwei bis drei Tagen abgeschlossen sein können. "Uns stehen noch lange Tage des Kampfes bevor." UN-Generalsekretär Ban Ki Moon begann am Sonntag eine mehrtägige Vermittlungsreise, bei der er beide Konfliktparteien zusammen bringen und einen "dauerhaften Waffenstillstand" erreichen will.

Auch US-Außenminister John Kerry kündigte eine neue Vermittlungsmission an. "Ich plane, dorthin zu reisen und das wahrscheinlich in Kürze", sagte er. Noch am Sonntag werde er mit Präsident Barack Obama sprechen, "und es kann sein, dass er mich auffordert, sofort aufzubrechen". 

Kerry äußerte zudem erneut Verständnis für die israelische Militäraktion im Gazastreifen. "Israel befindet sich im Belagerungszustand", sagte der Minister. Er forderte Hamas auf, das Angebot einer Feuerpause anzunehmen. Danach würde man dann über die Fragen sprechen, die dem Konflikt zugrunde lägen, versprach Kerry. "Aber man darf diesen Terrorismus nicht mit der Erfüllung von Vorbedingungen belohnen."