"Israels Jahre der Ruhe sind vorbei", titelt die Tageszeitung Haaretz heute. Die selbstgefällige Blase Israels sei geplatzt, die Mischung aus Fanatismus und Verzweiflung plus den Raketenbeständen der Hamas sei nur Vorbote dessen, was Israel in den nächsten Jahren erwarte. Nicht mehr die traditionell verfeindeten Länder mit ihren Armeen seien Feinde des Landes, sondern "Chaos". Man müsse sich darauf einstellen, dass die Gewalt andauern werde.

Israels Antwort darauf lautet: massive Gegenwehr. Die Armee hat ihre Angriffe gegen radikale Palästinenser im Gazastreifen weiter intensiviert und bereitet einen möglichen Einmarsch vor. 20.000 Reservisten seien noch einmal eingezogen worden, sagte Armeesprecher Peter Lerner. Dabei handele es sich um die Hälfte der 40.000 Reservisten, deren Mobilisierung Israels Regierung gebilligt habe. Eine Bodenoffensive im Gazastreifen sei jedoch die "letzte Option".

Die Sorge ist groß, dass sich die Schläge und Gegenschläge zu einem umfassenden Krieg ausweiten könnten. Die israelischen Angriffe sind nach den Worten ihres Sprechers bereits intensiver als während des letzten Gaza-Krieges im November 2012. Am dritten Tag der Großoffensive Schutzrand (Protective Edge) wurden ihm zufolge allein in der Nacht zu Donnerstag mehr als 320 Ziele im Gazastreifen angegriffen. Binnen 48 Stunden habe die Armee 750 Ziele attackiert. Im Vergleich dazu seien vor knapp zwei Jahren binnen acht Tagen 1.450 Ziele angegriffen worden. Und: Tausende israelische Truppen stehen bereits an der Grenze zum Gazastreifen, jederzeit einmarschbereit.

Ziele der Armee in Gaza sind Raketenabschussstellungen, Tunnel und Kommandozentralen der Hamas. Die Zahl der getöteten Palästinenser ist dabei mittlerweile auf 78 gestiegen. Etwa zwei Drittel der Toten seien Zivilisten, hieß es. Mehr als 500 weitere Menschen seien seit Beginn der Luftangriffe verletzt worden.

Israelischer Irrglaube

Umgekehrt feuerten die Hamas und andere radikale Palästinensergruppen aus dem Gazastreifen knapp 300 Raketen auf Südisrael, davon neun in der Nacht zu Donnerstag. Mehrere kamen bis nach Tel Aviv und Jerusalem, Opfer gab es jedoch keine. Die meisten der Geschosse wurden vom israelischen Abwehrsystem Iron Dome rechtzeitig zerstört. 

Aber die Raketen aus Gaza zerstören nach Ansicht der Zeitung Haaretz einige Illusionen und den Irrglauben Israel, das Land sei unangreifbar, wie es sich zuletzt gefühlt habe. Daher habe es die israelische Regierung nicht für nötig befunden, sich mit moderaten Palästinensern auf einen echten Friedensprozess einzulassen. "Wenn es keine Bewegung in Richtung Frieden gibt, ist die gewalttätige Eskalation die Folge", schreibt das Blatt. Israel müsse sich endlich den neuen Realitäten im Nahen Osten stellen, die unter anderem durch den Arabischen Frühling und die Umstürze in der Region beeinflusst worden seien. "Wir werden nun mit dem neuen, wilden und gewalttätigen Nahen Osten konfrontiert", heißt es in der Zeitung.

Auslöser des neuen palästinensisch-israelischen Krieges sind die Morde an den entführten und getöteten israelischen Jugendlichen und der darauf folgende Mord an einem Palästinenser durch jüdische Extremisten.

Gewalt nützt der Hamas

Doch Entführung und gegenseitiger Raketenbeschuss sind nur vordergründig für die Eskalation verantwortlich, Medien wie Analysten sehen andere Motive. Zum einen die Schwäche der Hamas: Der Arabische Frühling hat sie ihrer Verbündeten beraubt. Iran, Syrien und die Hisbollah haben eigene Probleme und sind angesichts der wachsenden Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten problematische Partner. In Ägypten wurden die verbündeten Muslimbrüder erst gestürzt und dann verfolgt. Die lebenswichtigen Schmugglertunnel in das Nachbarland werden nun auch von Ägypten aus bekämpft – der Hamas gehen Geld und Ressourcen aus. Auch deshalb war die radikale Palästinenserorganisation zu einem Bündnis mit der konkurrierenden Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bereit. Weil die Hamas kaum noch etwas zu verlieren habe, setzten ihre Führer auf Eskalation.

Doch die Härte der israelischen Reaktion lässt die Palästinenser sich hinter Hamas versammeln. Weil durch die Luftangriffe Zivilisten getötet werden, gewinnen die radikalen Palästinenser an Zustimmung. "Die israelischen Angriffe haben die Einheit der Palästinenser begünstigt", schreibt Haaretz. Weil im Gegensatz zu Israelis ohne Schutz von Bunkern oder Raketenabwehr, fühlten sich alle 1,7 Millionen Bewohner des Gazastreifens als menschliche Ziele der israelischen Armee. Die Schuld der Hamas mit ihren Raketenangriffen rücke deshalb in den Hintergrund.

Was den Verlauf des Konflikts angeht, sind Beobachter äußerst pessimistisch. "Große Veränderungen sind nicht zu erwarten", schreibt etwa der Nahost-Experte Elliott Abrams für die National Review. "Höchstwahrscheinlich werden wir in einem Jahr die gleichen Führer an ihrem Platz sehen, die ihre gleiche Politik fortsetzen." Die Hamas werde ihren Terrorismus ausweiten, Israel mit aller Härte im Gazastreifen antworten und US-Präsident Barack Obama seinen Friedensplan wieder auf den Tisch legen. "Nichts davon sollte eine große Überraschung für jeden sein, der den sogenannten Friedensprozess Jahrzehnt auf Jahrzehnt beobachtet."