Vor dem Eintreffen ausländischer Luftfahrtexperten herrschen an der Absturzstelle der Boeing 777 in der Ostukraine chaotische Zustände. ZEIT-Reporterin Alice Bota berichtete, dass maskierte Bewaffnete die Absturzstelle bewachten. Separatisten posierten mit den Hinterlassenschaften der Passagiere, einige von ihnen betranken sich am Unglücksort mit aus den Wrackteilen geplündertem Alkohol.

Die Experten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) berichten von schweren Behinderungen ihrer Untersuchungen am Absturzort durch die Separatisten. "Wir wurden von Schwerbewaffneten streng beobachtet und mussten uns vorsichtig bewegen", sagte ein Sprecher der Organisation.

"Das Problem ist, dass es keine Absperrung des Ortes gibt, wie sonst üblich. Jeder kann da rein und womöglich mit Beweisstücken herumhantieren", sagte der Sprecher. Journalisten und OSZE-Mitarbeiter durften sich am Freitag nur 75 Minuten und am Samstag weniger als drei Stunden zur Begutachtung der Trümmer an der Absturzstelle bewegen. Die OSZE-Mitarbeiter hätten beobachtet, wie Leichen von Unbekannten in Plastiksäcke gepackt und an den Straßenrand geräumt wurden.

Die Separatisten teilten ohne Details mit, die Flugschreiber der Maschine seien in ihrer Hand und in die Großstadt Donezk gebracht worden. Zuvor hatte einer ihrer Anführer versprochen, die Geräte "problemlos" den Behörden zu übergeben.

Westliche Regierungschefs kritisierten die Umstände an der Absturzstelle scharf. "Das ist inakzeptabel und ein Affront gegen alle, die geliebte Menschen verloren haben, und gegen die Würde, die die Opfer verdienen" sagte eine Sprecherin des US-Außenministeriums in Washington. Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte zeigte sich "schockiert" über Bilder von "schamlosen" prorussischen Separatisten, die an der Absturzstelle Habseligkeiten der Opfer in Händen hielten.  

Niederlandes Außenminister Frans Timmermans äußerte sich während eines Treffens mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zu den Vorgängen an der Absturzstelle. Er sei empört über den Umgang mit den Leichen. 192 der 298 auf Flug MH17 getöteten Menschen kamen aus den Niederlanden.

Die ukrainische Staatsführung warf den prorussischen Separatisten im Osten des Landes vor, mithilfe Russlands "Beweise für dieses internationale Verbrechen zerstören" zu wollen. In einem Telefonat mit seinem französischen Amtskollegen François Hollande forderte Poroschenko Frankreich auf, die von ostukrainischen Separatisten proklamierten Volksrepubliken Luhansk und Donezk als terroristische Organisationen anzuerkennen.

Kiew meldet Abtransport der Leichen durch Separatisten

Rettungskräften zufolge sind bisher 196 der 298 Opfer geborgen worden. Prorussische Separatisten sollen nach Darstellung der ukrainischen Katastrophenschutzbehörde alle Leichen vom Absturzort an einen unbekannten Ort gebracht haben. Ukrainische Rettungskräfte seien gezwungen worden, die Leichen zu übergeben, sagte Sprecherin Natalia Bystro.

Die Regierung habe keine Informationen, wohin die Opfer gebracht worden seien. Kurz zuvor hatte es noch geheißen, die Regierung habe sich mit den Rebellen darauf geeinigt, die Todesopfer unter internationaler Beobachtung an einem sicheren Ort zu bringen. Die Identifizierung sollte möglicherweise in der etwa 300 Kilometer entfernten Großstadt Charkiw stattfinden. Dort sei eine Untersuchungskommission eingerichtet und Hotelzimmer für Hinterbliebene gebucht worden.

Der ukrainische Vize-Regierungschef Wladimir Groisman sprach von bis zu 900 Aufständischen rund um die Absturzstelle nahe der Ortschaft Grabowo. Die militanten Gruppen hätten mehrfach versichert, die Arbeiten der OSZE nicht zu behindern. Mit den Separatisten sei vor dem Abtransport der Leichen vereinbart worden, die sterblichen Überreste zunächst in speziellen Eisenbahnwagen zu lagern, sagte Groisman.

Separatisten fordern Waffenruhe

Die Aufständischen wollen die Sicherheit internationaler Ermittler am Absturzort nur garantieren, wenn die Führung in Kiew einer Waffenruhe zustimmt. Die Regierung werde aufgefordert, umgehend ein Abkommen zu schließen, sagte Separatistenanführer Andrej Purgin. Die Feuerpause müsse mindestens für die Dauer der Untersuchung des Wracks gelten.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko lehnte direkte Verhandlungen mit den Separatisten ab. Die Aufständischen hätten mit dem Abschuss der Maschine einen Terrorakt begangen, sagte Poroschenko.

Die Maschine der Malaysia Airlines war am Donnerstag über dem zwischen Rebellen und der ukrainischen Regierung umkämpften Gebiet an der russischen Grenze abgestürzt. Nach ukrainischen und amerikanischen Erkenntnissen wurden sie mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen.