Die rustikale Drohung ist derzeit in Russland der offizielle Sprechmodus. Auch an diesem Wochenende droht das Land: der US-amerikanischen Fastfood-Kette McDonalds mit einer Klage wegen angeblicher Verstöße gegen russische Gesundheitsauflagen und der EU mit einem Ende der Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Terrorismus und Organisierter Kriminalität. "Die erweiterte Sanktionsliste ist ein klarer Beweis dafür, dass die EU-Staaten einen Weg beschreiten, der auf eine Abkehr von der Kooperation mit Russland in Fragen der internationalen und regionalen Sicherheit hinausläuft", hieß es in einer Mitteilung des Außenministeriums. Die EU hatte zuvor unter anderem die Chefs der russischen Geheimdienste und einzelne Unternehmen auf ihre Sanktionsliste gesetzt. Am Dienstag wollen die Europäer erstmals ganze Wirtschaftszweige einbeziehen.

Mit dem offiziellen Säbelrasseln versucht Russland die Tatsache zu überspielen, dass die Angst einheimischer Unternehmer vor der internationalen Isolation wächst. Nachdem sie zuvor monatelang die Sanktionen des Westens als wirkungslos herunterspielten, befürchten sie nach dem Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs ernste und dauerhafte Schäden für die wirtschaftliche Entwicklung. Auch Ex-Finanzminister Alexej Kudrin, einer der engsten Berater von Präsident Wladimir Putin, warnte in der vergangenen Woche, dass eine Fortsetzung der "feindseligen" Auseinandersetzung mit dem Westen der russischen Wirtschaft schade.

Öffentlich wird in Russland kaum Kritik an Präsident Wladimir Putin laut. Ein Informant mit Verbindungen zur Regierung sagte der Nachrichtenagentur AP, es sei derzeit zu gefährlich, in der Öffentlichkeit oder bei Treffen mit dem Präsidenten Besorgnis über die wirtschaftliche Entwicklung zu äußern. Russische Oligarchen teilten ihre Einwände Regierungsmitarbeitern mit, die sie wiederum an Putin weiterleiteten.

Kein Sprung vor den rasenden Truck

Kommt diese Kritik im inneren Zirkel der Macht an? Der Bundesnachrichtendienst (BND) sieht zumindest erste Anzeichen dafür, dass in der Moskauer Führung Hardliner und Wirtschaftsführer um Einfluss bei Putin kämpfen. In diesem Sinne soll sich der Chef des BND, Gerhard Schindler, vor dem Auswärtigen Ausschuss des Bundestags und im Kanzleramt geäußert haben, berichtet der Spiegel. Es gebe Anzeichen, so Schindler, für ein Machtgerangel in der Moskauer Führung.

Nach Einschätzung der britischen Financial Times haben derzeit die Konservativen, die eine Politik der Isolation anstreben, die Oberhand – gerade weil der Westen Russland eine Mitschuld am Abschuss des Flugzeugs gebe und mit härteren Sanktionen drohe. Klar sei, dass Wladimir Putin ganz allein entscheide, welche Richtung die russische Politik einschlagen werde. Niemand aus dem inneren Zirkel habe derzeit das Durchsetzungsvermögen, Putin herauszufordern. Die FT zitiert einen russischen Regierungsvertreter: "Haben Sie schon mal versucht, vor einen rasenden Truck zu springen?"

In jedem Fall markiert der Abschuss des malaysischen Flugzeugs eine Zäsur. "In den vergangenen Monaten hatte man den Eindruck, Putin handelt entschlossen und korrekt und der Rest der Welt wird sich an die Realität gewöhnen und wir kommen wieder zum gewohnten Geschäftsbetrieb zurück", sagt Bernard Sucher vom Vorstand der unabhängigen Moskauer Investmentbank Aton. "Jetzt reden wir über echte Angst."

Als Russland im März die zur Ukraine gehörende Halbinsel Krim annektierte und die Beziehungen litten, gab die russische Börse nach, erholte sich aber wieder. Die Investoren gingen davon aus, dass die lukrativen Handelsbeziehungen keinen Schaden nehmen würden. Auch weil Europa zögerte, die Energie-Importe aus Russland zu blockieren oder den Handel mit Autos und schweren Maschinen zu stoppen.

US-Sanktionen waren mehr als Symbolhandlungen

Die USA waren weniger zurückhaltend, beschränkten ihre Sanktionen aber zunächst auch auf das Einfrieren von Vermögen Einzelner, denen vorgeworfen wurde, die Separatisten in der Ukraine zu unterstützen. Am 16. Juli, einen Tag vor dem Absturz der Boeing 777 der Malaysia Airlines, schienen sich die russischen Märkte vollständig erholt zu haben. Dann verkündete die Regierung in Washington neue Sanktionen, die die Investoren aufschreckten. Die USA schlossen ihre Finanzmärkte für zahlreiche Unternehmen. Darunter ist auch Rosneft, der größte Ölkonzern des Landes, an dessen Spitze der Putin-Vertraute Igor Setschin steht. Diese umfassenderen und zielgerichteten Sanktionen seien die ersten mit echter Schlagkraft gewesen, sagt der Präsident der Amerikanischen Handelskammer in Russland, Alexis Rodzianko: "Sie gingen über das Symbolische hinaus."

Als einen Tag später die malaysische Passagiermaschine abstürzte, befürchteten die Investoren eine weitere Verschlimmerung der Lage. Die Börse gab diesmal deutlich nach. Finanzexperten rechnen damit, dass noch mehr Geld als bisher aus Russland abgezogen wird. Von Januar bis Juni waren es bereits 74,6 Milliarden Dollar, für das gesamte Jahr 2014 wird mit 100 Milliarden Dollar gerechnet. Das wäre fast doppelt so viel wie 2013. Gleichzeitig rechnet der Internationale Währungsfonds nur noch mit einem Wachstum von 0,2 Prozent in diesem Jahr, während die Landeswährung weiter unter Druck gerät.

Die USA und die EU spielten derzeit also eine Art "guter Cop, böser Cop" mit Russland, sagt Chris Weafer von der Beratungsfirma Macro-Advisory in Moskau. Noch bleibe abzuwarten, ob der Absturz der Malaysia Airlines eine Wende bringe: "Entweder der Vorfall drängt Russland in eine noch größere Isolation, oder er markiert ein Ende – oder den Anfang vom Ende – der gefährlichsten Phase im Konflikt in der Ostukraine."

Nach außen gibt sich Putin bisher unbeeindruckt von den negativen Auswirkungen der Krise. Allerdings hat der russische Präsident in einigen Punkten nachgegeben. Nach den ersten Sanktionen habe Russland keine weiteren Teile der Ukraine annektiert wie zuvor die Krim, sagt der russische Ökonom Sergej Guriew, der an der Pariser Hochschule Sciences Po arbeitet. Die Sanktionen hätten die russische Regierung auch gezwungen, die Wahlen in der Ukraine anzuerkennen.