Im Gemüseladen in Ramallah läuft der Fernseher, über saftigen Auberginen und Bergen von Tomaten zeigt er eine Art MTV der Militanz: Heroische Musik begleitet Bilder der Bombardements von Gaza, von Hamas-Kämpfern und ihren Raketen. Es sind nicht Nachrichten, sondern ein Aneinanderreihen von Krieg- und Widerstandsbildern. "Wie viel kostet ein Kilo Gurken?" fragen die Einkaufenden. Darüber werden die Schatten des Krieges abgespult.

Ramallah ist eine verschlafene, hügelige Kleinstadt, 15 Kilometer nördlich von Jerusalem, die seit den 1990ern von einem rasenden Bauboom überwältigt wurde. Die wenigen noch erhaltenen älteren Häuser liegen verstreut zwischen hochschießenden Apartmentblocks, eine kleine Metropole hat sich über ein Dorf gelegt, in nur 20 Jahren. Denn hier hat die palästinensische Autonomiebehörde seit dem Osloer Friedensabkommen von 1993 ihren Sitz.

Gaza, wo seit Tagen israelische Bomben einschlagen und von wo Raketen Richtung Israel abgeschossen werden, ist nur wenig mehr als 80 Kilometer entfernt. Aber für Yazeed Anani, Architekturprofessor an der Universität Bir Zeit und Kurator, ist Gaza weiter von Ramallah weg als Berlin, wo er als Fellow am Wissenschaftskolleg geforscht hat. "Die geographische Nähe zu Gaza hat keinerlei Bedeutung, wenn es unmöglich ist, einen Ort zu erreichen. Dabei waren wir als Kinder jeden Sommer da, haben Freunde besucht und sind im Meer geschwommen." Aber da die israelische Regierung Palästinensern seit 2007 fast keine Einreisegenehmigungen nach Gaza mehr erteilt, sei der Küstenlandstrich von Ramallah so weit weg "wie der Nordpol, mit dem Fernsehen als einzige Verbindung. Alle sitzen wie gebannt vor dem Bildschirm und warten auf ein Ereignis, das doch nie kommt."

Der palästinensische Staatsapparat ohne Staat, den die Autonomiebehörde darstellt, hat sich rasch aufgebläht und einen Mikrokosmos – manche nennen es eine Blase – mit einer neuen Mittelklasse geschaffen. Heute herrscht in Ramallah Baulärm, nicht Gefechtslärm. Dabei sind all die kreditfinanzierten Wohnungen, die hier verkauft werden, so etwas wie die Endstation der Hilfsgelder der EU und der USA, die über den Umweg über die Löhne für mehr als 150.000 Angestellte die Bewohner erreichen. 

Ein Fatah-Mitglied sympathisiert mit der Hamas

Gewiss ist so einiger Wohlstand entstanden. Trotzdem ist es äußerst schwierig, jemanden zu finden, der an der Autonomiebehörde und Präsident Mahmud Abbas auch nur ein gutes Haar lässt. Für die meisten bedient Abbas die Interessen Israels, und er hat für Ruhe gesorgt, aber sonst habe er nicht viel erreicht. Selbst der Besitzer eines Grillrestaurants in Ramallah, der von sich selbst sagt, er sei schon immer in der Fatah von Abbas gewesen, verabscheut den Präsidenten und sympathisiert mit der gegnerischen Hamas. Nicht aus weltanschaulichen Gründen, sondern weil sie als einzige Israels Militär die Stirn biete.

Für den Restaurantbesitzer trügt der Eindruck von geschäftiger Ruhe in Ramallah. Viele Leute seien wütend über die völlige Passivität von Abbas, aber die Autonomiebehörde habe Mittel, jede Unmutsäußerung zu unterbinden. "Wir sind bedrückt, wenn wir hier mitverfolgen, was in Gaza passiert, wie Kinder sterben müssen. Niemand hier wird das Fest des Fastenbrechens am Ende des Ramadan feiern (am 28. Juli), sollte in Gaza noch gekämpft werden", sagt er. Für die angekündigten Wahlen, sollten sie denn stattfinden, prophezeit der Geschäftsmann einen Sieg der Hamas, weil Fatah allen Kredit verspielt habe. 

Derzeit jetzt hat seine eigene Partei jedoch noch Macht in Ramallah. Seinen Namen möchte der Grill-Betreiber deshalb lieber nicht veröffentlicht sehen, "nicht aus Angst vor den Israelis, sondern vor dem Sicherheitsapparat der Autonomiebehörde".

Der Architekt Yazeed Anani wendet sich hingegen gegen ein Entweder-Oder zwischen Abbas oder der Hamas: "Nur weil wir hier in Ramallah keinen bewaffneten Widerstand leisten, heißt das ja nicht, das wir total sediert sind und überhaupt nichts tun. Hier gibt es auch Raum für kulturelle, intellektuelle Auseinandersetzung und Widerstand gegen die Besatzung."