Sind das die westlichen Werte, von denen dieser Tage immer die Rede ist? Man kann also einfach so ein ziviles Flugzeug mit 298 Menschen vom Himmel holen, ohne schwerwiegende Folgen befürchten zu müssen?  

US-Außenminister John Kerry spricht von einem "Augenblick der Wahrheit" – wohlwissend, dass dies nicht nur für Russland gilt. Auch der Westen hat nach dem Abschuss des Malaysia-Airlines-Fluges MH17 vielleicht eine letzte Chance, der Aggression Russlands etwas entgegenzusetzen. Längst hätte das geschehen müssen. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, liegt am Ende auch in der Verantwortung aller, denen der Wille fehlte, schon früher konsequent auf die Annexion der Krim (längst vergessen und hingenommen) und die Destabilisierung der Ostukraine durch Russland zu reagieren.

Doch nicht einmal jetzt können sich die Europäer schnell und geschlossen zu einer deutlichen Haltung entschließen. Die EU-Außenminister sind empört über Russlands Verhalten, sehen eine Mitschuld Moskaus an dem Abschuss, es wird erweiterte, aber schon im Juni weitgehend beschlossene und eben eher lasche Sanktionen geben (neue Einreiseverbote und Kontensperrungen), russische Unternehmen und Finanziers der Separatisten sollen auf eine schwarze Liste. Erst am Donnerstag soll eine Entscheidung darüber fallen, welche zusätzlichen Maßnahmen ergriffen werden könnten.

Mehr vorerst nicht, kein drastisches Abschneiden vom Finanzmarkt, kein unverzügliches Waffenembargo. Zielgerichtete Maßnahmen in den Bereichen von Schlüsseltechnologien und des Militärs, also Exportverbote, sollen erst vorbereitet werden, ebenso Einschränkungen beim Zugang zu Kapital. Derweil sieht Frankreich beispielsweise offenbar kein Problem darin, im Herbst mit der Lieferung von Mistral-Hubschrauberträgern an Russland zu beginnen – das Geschäft im Umfang von 1,2 Milliarden Euro scheint wichtiger zu sein als ein deutliches Signal: Das nehmen wir nicht mehr hin.

Moskaus Version des Konflikts bricht zusammen

Es muss weitere Untersuchungen über den Abschuss von MH17 geben, keine Frage, aber währenddessen zulassen, dass es nur immer so weiter geht?

Die Rhetorik – immerhin – ist härter geworden, und Putin spürt den Druck der Worte. Seine Version dieses Konflikts, unablässig mit aller Macht des Propagandaapparates in die Welt getragen: brutale Faschisten, bedrohte Russen, ein Bürgerkrieg erwachsen aus einem Volksaufstand, getragen vom legitimen Wunsch nach mehr Mitbestimmung, eine interne Angelegenheit der Ukraine, mit der Moskau nichts zu tun habe – sie ist endgültig zu einer Farce geworden.

Es gibt keinen Volksaufstand in der Ostukraine, sondern nur eine Horde Milizionäre und Söldner, die, um ihre nicht mehrheitsfähigen Ziele zu erreichen, Mittel von Terroristen anwenden: Sie foltern, entführen, erschießen, feuern auf Flugzeuge.

Ja, der Westen hat ebenso vermeiden wollen, die Kämpfe in der Ostukraine mehr zu nennen als eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Zentralregierung und separatistischen Rebellen: Nun muss er sich zu einem Krieg verhalten, zu dessen Opfern plötzlich unter anderen 193 Niederländer, 43 Malaysier, 27 Australier gehören. Auch vier Deutsche.

Erdrückende Indizien

Mit kruden Verschwörungstheorien und hanebüchenen Beschuldigungen, die ukrainischen Truppen oder gar die USA seien für den Abschuss verantwortlich, werden sich die Angehörigen der Opfer, können sich diesmal auch die Politiker nicht zufrieden geben.

Mögen auch viele Details noch nicht geklärt sein, zeichnet sich immer deutlicher ab: Eine Rakete eines Flugabwehrsystems vom Typ Buk hat die Maschine getroffen, abgefeuert aus einem Gebiet, das komplett unter der Kontrolle der Separatisten ist; die ukrainische Armee hatte keine solchen Einheiten in der Nähe; erdrückende Indizien deuten darauf hin, dass die Separatisten dafür verantwortlich sind.