Ein prorussischer Separatist fotografiert am Absturzort der MH17. © Maxim Zmeyev/Reuters

Der Abschuss des Malaysia-Airlines-Flugs 17 bei Schachtjorsk in der Ostukraine verändert alles in diesem Konflikt. Nicht zum Guten, und schon gar nicht so, dass man nun wüsste, was als Nächstes kommt. Vielmehr ist die Lage damit vollends außer Kontrolle geraten.

Dies ist jetzt kein eingefrorener Konflikt mehr, der zwar eine West-Ost-Konfrontation ausgelöst hat, aber eben doch vor allem regional zu verstehen war. Allein weil an Bord so viele Passagiere westlicher Länder waren, wird die Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine endgültig internationalisiert. Einhellig wird eine unabhängige Untersuchung gefordert, der UN-Sicherheitsrat kommt am Freitag zu einer Sondersitzung zusammen.

Zwar streiten die prorussischen Separatisten, die sich angesichts der massiven Offensive des ukrainischen Militärs in die Region um Donezk zurückgezogen haben, weiter jede Beteiligung an dem Absturz der Passagiermaschine mit 298 Menschen an Bord ab. Sie behaupten, über keine Waffensysteme zu verfügen, die in der Lage wären, die Boeing 777 in einer Höhe von rund 10.000 Metern abzuschießen. Doch Ende Juni berichteten selbst russische Staatsmedien, die Rebellen seien nun im Besitz eines Boden-Luft-Raketensystems des Typs Buk – damit wäre ein solcher Abschuss durchaus möglich. Ein westlicher Journalist hatte ein solches System noch am Donnerstag in der Ostukraine aufseiten der Separatisten ausgemacht.

In den zurückliegenden Monaten hatten sie bereits mehrfach ukrainische Militärflugzeuge abgeschossen. Zudem brüstete sich eine Internetseite des Rebellenführers Igor Girkin, Kampfname Strelkow, zur selben Zeit, als die malaysische Maschine niederging, mit dem Abschuss einer Antonow 26 der ukrainischen Luftwaffe – später wurde der Eintrag gelöscht. Auch veröffentlichte der ukrainische Geheimdienst Mitschnitte von Telefonaten zwischen Separatisten, die über den Abschuss der Boeing sprechen: Offenbar sind sie entsetzt, dass es sich um ein ziviles Flugzeug handelt.

Versehentlicher Treffer?

Der Abschuss der Passagiermaschine – sollte er auch nur versehentlich geschehen sein – ist letztlich nur der endgültige Beweis: Dies sind nicht die unterdrückten, russischsprachigen Bürger der Ostukraine, die sich mit Waffen, die man überall kaufen kann oder die sie eben schon besaßen, spontan als Volksmiliz gegen eine ihnen feindliche Kiewer Regierung erhoben haben, wie es der Kreml gern darstellt. Die Raketen, die hier zum Einsatz kamen, feuert kein durchschnittlicher Rebellenanhänger einfach ab – das erfordert Wissen um Bedienung und Zielerfassung, und das lernt niemand von heute auf morgen.

Es gibt nur eine Möglichkeit, woher in derart großem Umfang fortgeschrittene Waffensysteme kommen, die es der ukrainischen Armee so schwer machen, gegen die Separatisten Boden zu machen, etwa Grad-Raketenwerfer. Und solche des Typs Buk, die nun den Abschuss ermöglicht haben, der diesen Konflikt auf eine neue Stufe hebt. Das eine oder andere militärische Gerät mögen die Milizen auch während der Kämpfe erbeutet haben. Möglicherweise auch genau die Einheit, die jetzt zum Einsatz kam. Doch bei der Ausstattung, die in den vergangenen Wochen zu beobachten war, bleibt nur Russland als Absender.

Mindestens duldet der Kreml, dass die Rebellen in der Ostukraine über die Grenze hinweg bestens mit Mensch und Material versorgt werden, vieles spricht dafür, dass er aktiv daran beteiligt ist. Laut dem Europa-Kommandeur der US-Armee, General Philip Breedlove, haben die Russen die Separatisten direkt mit Luftabwehrsystemen ausgestattet und sogar Trainings in der Nähe der ukrainischen Grenze abgehalten, um die Kämpfer damit vertraut zu machen.

Mit dem Rücken zur Wand

Doch eine solche Eskalation kann Präsident Wladimir Putin nicht beabsichtigt haben. Ja, der Zerfall der Ukraine war seine Strategie und die Unterstützung der Separatisten sein Mittel. Nun aber könnte der Punkt erreicht sein, an dem ihm die Kontrolle entglitten ist – über die bis dato nützlichen Rebellen und damit womöglich über den Ausgang des Konflikts. Mit aller Wucht versucht der russische Propaganda-Apparat deshalb die Version in die Köpfe zu hämmern, dass nur die Ukrainer für den Abschuss verantwortlich sein können, bis hin zu der irrwitzigen Behauptung, das Ziel der Rakete sei die Maschine Putins gewesen, die nur kurz nach dem Malaysia-Airlines-Flug ebenfalls über der Region unterwegs gewesen sei.

Denn – gehen wir einmal von der wahrscheinlichsten Variante aus – der Abschuss eines Passagierflugzeugs mit westlichen Insassen durch zumindest mittelbare Handlanger des Kremls lässt Putin eigentlich kaum eine Wahl, als den Rückzug: Es ist eine Sackgasse, er wird die Rebellen fallen lassen müssen, die Grenze für ihren Nachschub wie auch ihre mögliche Flucht schließen. Die Ukraine hingegen kann für ihre Offensive gegen die Separatisten auf noch mehr Hilfe setzen. An weiteren Sanktionen gegen Russland führt kein Weg mehr vorbei, chirurgisch und selektiv dürften sie diesmal nicht sein. Und selbst eine Beteiligung westlicher Kräfte an der Militäroperation ist unter diesen Umständen kein Tabu mehr.

Doch vorhersehbar ist das alles nicht. Putin hat mehr als einmal bewiesen, wie unberechenbar er ist. Gleiches gilt im Übrigen für die Rebellen in der Ostukraine, die plötzlich als Terroristen jede Legitimation verloren haben: Mit oder ohne den Kreml hinter sich stehen sie nun gefährlich mit dem Rücken zur Wand – ein schneller Frieden in der Ukraine ist damit womöglich außer Reichweite.