Die Versammlung der mächtigen Männer Russlands sollte, so sagten es die Experten voraus, von "historischer" und "schicksalhafter" Bedeutung sein. Im Kreml trat heute unter dem Vorsitz des mächtigsten von allen, des Präsidenten Wladimir Putin, der Sicherheitsrat zusammen. Der Verteidigungsminister, die Geheimdienstchefs, der Innenminister saßen dabei. Natürlich ging es um die Ukraine und, wie manche russische Kommentatoren dramatisch orakelten, um "Krieg oder Frieden".

Angesichts solcher Erwartungen klang Putins Rede danach wie ein allgemeines "Rührt Euch!" Der Präsident versprach, mit allen Kräften auf die prorussischen Kämpfer in der Ostukraine Einfluss zu nehmen, um eine vollständige und transparente Untersuchung des vermutlichen Abschusses der malaysischen Boeing am vergangenen Donnerstag zu ermöglichen. Er sang das wohlbekannte Lied, dass fremde Mächte Russlands innere Probleme für eigene Ziele nutzen wollten und dass "bunte Revolutionen" dennoch keine Chance hätten. Denn Russland werde alles tun, um ausländische Einflüsse zu verringern. Im Moment, gestand Putin zu, stehe Russland vor keiner "direkten militärischen Bedrohung".

Das hörte sich fast nach Deeskalation an. Schon die Übergabe der Blackboxes des zerstörten Flugzeugs durch die Separatisten an malaysische Experten hatte für eine leichte Entspannung gesorgt. Als ein Zeichen an die EU-Außenminister, die sich heute in Brüssel trafen, um über neue Sanktionen gegen Russland zu beraten.

Der Tod der 298 Menschen an Bord hat den Ukraine-Konflikt internationalisiert. Die Regierungschefs, deren Staatsbürger umgekommen sind, geraten unter Druck, alle Nachsicht gegen Moskau fallen zu lassen. Russland wiederum läuft Gefahr, in der Wahrnehmung der globalen Öffentlichkeit in Richtung Paria-Länder abzugleiten. Noch vor sechs Tagen hatte Putin beim BRICS-Gipfel in Brasilia gezeigt, dass sein Land keineswegs weltweit isoliert ist. Doch falls eine Boden-Luft-Rakete gar russischer Herkunft das Flugzeug vom Territorium der Separatisten aus getroffen hat, bleibt an Russland das Etikett einer Macht kleben, die Terroristen unterstützt. So hegen einige die Hoffnung, dass der Schockmoment der Flugzeugkatastrophe die beteiligten Mächte einer gemeinsamen Konfliktlösung näher bringt.

Konfuse Versionen der Absturzgeschichte

Doch das scheint zu trügen. Kaum verwehte der Rauch über der Absturzstelle, da regierte schon wieder die Logik des Informationskrieges: Je nach politischer Position galten die ukrainische Luftabwehr, die raketenwütigen Separatisten oder gar Russlands Präsident, der sein Land als Waffennachschubbasis einsetze, als Schuldige.

Das Moskauer Verteidigungsministerium legte angebliche Beweise vor, die nahelegen, dass das Flugzeug von einer ukrainischen Abwehrrakete getroffen wurde. Sogar manche konfuse Version des Geschehens wurde vom russischen Fernsehen zur Tatsache geadelt: Die ukrainische Rakete habe eigentlich das Flugzeug Putins, der vom BRICS-Gipfel zurückkehrte, treffen sollen. Die Amerikaner hätten den Abschuss beschlossen, um einen Krieg mit Russland zu provozieren. Oder: Im Flugzeug, das per Autopilot gesteuert worden sei, hätten gar keine Lebenden, sondern Leichen gesessen.