Ein Junge füllt Wasserkanister in einem von syrischen Rebellen gehaltenen Viertel von Aleppo. © Zein Al-RifaiAFP/Getty Images

"Die Türkei trocknet den Euphrat aus. Statt den Rebellen gegen das Assad-Regime zu helfen, tötet sie diese durch Austrocknung." So schreibt das religiöse US-Journal The Trumpet über die sinkenden Wasserstände im Lake Assad, dem syrischen Wasserreservoir, das Aleppo und Umgebung mit Wasser und Strom versorgt.

Es ist nicht auszuschließen, dass die Türkei tatsächlich die Wasserversorung als Druckmittel im syrischen Bürgerkrieg einsetzt, der längst zum Regionalkonflikt geworden ist, schon vor dem Vormarsch von Isis im benachbarten Irak. Die Regierung in Ankara hat dies bereits in den achtziger Jahren getan. Damals hoffte sie, dass Syrien die Aktivitäten der kurdischen Arbeiterpartei PKK unterbindet.

Das türkisch-syrische Protokoll von 1987 garantierte einen Wasserabfluss von durchschnittlich 500 Kubikmetern pro Sekunde für die Euphrat-Unteranrainer Syrien und Irak. Dennoch blieb das türkische "Südostanatolische Entwicklungsprojekt" mit seinen 22 Staudämmen, 18 großen Wasserkraftwerken und den geplanten 1,8 Millionen Hektar bewässerter Fläche, das den für die Nachbarländern lebenswichtigen Zustrom stark begrenzt, ein Konfliktpunkt.

Die Türkei gebärde sich als regionaler Wasserhegemon, der über genügend Mittel verfüge, um die Flüsse zu kontrollieren, so der Vorwurf aus Damaskus und Bagdad. Die Türkei reklamierte dagegen ihr Recht auf Entwicklung und schuf Fakten, indem sie einen Staudamm nach dem anderen baute. Dennoch hielt sie  sich im Übrigen an das 1987er-Protokoll. 

Ein Sicherheitsabkommen machte dann 1998 den Weg frei für ein Freihandelsabkommen, das 2004 geschlossen wurde und unerwartet positive Auswirkungen auf den jahrzehntelangen Wasserstreit hatte: An der türkisch-syrischen Grenze sollte ein gemeinsamer Staudamm am Orontes errichtet werden. Dies war spektakulär: Bis dato hatte Syrien seine territorialen Ansprüche auf die türkische Provinz Hatay (das historische Alexandretta) und den Orontes als einen nationalen Fluss aufrechterhalten und die Grenzen nicht anerkannt. Syriens Präsident Baschar al-Assad tat nun aber genau das. Der Grundstein wurde im Februar 2011 gelegt, kurz bevor der Aufstand in Syrien begann.

Mit einem 2009 gegründeten hochrangigen Strategischen Kooperationsrat signalisierten der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdoğan, Assad und der irakische Regierungschef Nuri al-Maliki, dass sie im Wasserstreit Lösungen wollten. Beim ersten Treffen des gemeinsamen Rates wurden 50 Vereinbarungen unterzeichnet, davon vier zu Wasserfragen. Eine Kommission sollte praktikable Vorschläge ausarbeiten, wie man bei der Nutzung der Flüsse kooperieren könne. Der Orontes-Staudamm wurde besiegelt – die Kosten wollte man sich teilen.

Dies hätte eine Wende in dem Ressourcen-Konflikt einleiten können. Allerdings ist die Macht in Syrien und im Irak seit den Eroberungen der Islamisten rasant zerfallen, was eine Zusammenarbeit kaum noch möglich macht.

Wasser- und Stromversorgung als Mittel der Erpressung

Wie unabhängige Quellen berichten, setzen inzwischen alle Kombattanten in Syrien den Zugang zu Wasser und Strom als Mittel der Erpressung ein. Bereits im September 2012 hatten Regierungstruppen die Wasser- und Elektrizitätsnetze der Millionenstadt Aleppo zerstört, um die damals noch gemäßigten Oppositionellen unter Druck zu setzen. Aber längst sind es nicht mehr nur Assads Truppen. Die zersplitterten und sich gegenseitig bekämpfenden Oppositionsgruppen – die Freie Syrische Armee, die Organisation Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) und die mit Al-Qaida verbündete Al-Nusrah-Front – setzen auf die Kontrolle der Euphrat-Staudämme, an denen die Wasser-und Stromversorgung von Aleppo und der Provinz Raqqa hängt.

Zwei wenn nicht gar drei, sind inzwischen in den Händen der Rebellen. Deren Betreiber ist nicht mehr ein syrisches Ministerium, sondern Isis. Täglich würden beträchtliche Wassermengen aus dem Assad-Reservoir abgelassen, um die Wasserausleitung nach Aleppo trockenzulegen, berichten unabhängige Beobachter. Pumpstationen seien in der Hand der Rebellen, Pumpen würden demontiert. Die Folge: Aleppo war im Mai mehrere Tage ohne Wasser und Strom. Die Bewohner nutzten in ihrer Not laut Radio Vatikan Brunnen in Moscheen und Kirchen, obwohl das Wasser dort zum Trinken ungeeignet ist.

Im Irak drangen Isis-Kämpfer Mitte voriger Woche ebenfalls in Richtung Haditha-Damm vor, dem zweitgrößten des Irak. Es steht zu befürchten, dass sie wie bei der Eroberung des Falludscha-Damms die Schleusen öffnen werden – eine Möglichkeit, auf die die Regierungstruppen sich vorbereiten, indem sie das selbst in Erwägung ziehen.

Ungewisse Zukunft, auch in der Wasserfrage

Wie wahrscheinlich ist es angesichts dieser Berichte, dass nur die Türkei ihrerseits Wasser als Trumpf in dem Konflikt einsetzt? Im Moment ist das kaum zu beantworten. Der Regierung Erdoğan wurde vorgeworfen, sie habe Isis zumindest stillschweigend geduldet. Mittlerweile gefährdet der Vormarsch der Isis im Irak aber auch die Interessen der Türkei. Für den Fall, dass der Irak als Staat zerfällt, sicherte ein Sprecher der türkischen Regierungspartei den nordirakischen Kurden das Recht auf Selbstbestimmung zu – eine bis vor Kurzem undenkbare Zusicherung.

Die veränderte geopolitische Situation in der Region stellt die Wasserfrage neu und verschärft. Denn diejenigen, mit denen die Türkei 2009 die Vereinbarungen getroffen hatte, haben in ihren Ländern nur noch begrenzte Macht, vor allem Isis sichert sich offensichtlich auch den Zugriff auf diese wichtige Ressource als Machtmittel. Die Kontrolle der Flüsse wird damit nicht nur zum innerstaatlichen Kriegsinstrument, sondern auch immer stärker zum wichtigen Faktor im regionalen Machtpoker.