Zwei spanische und eine italienische Geisel in den Händen einer Al-Kaida-Splittergruppe in Algerien; die Gesichter der Geiseln wurden aus Rücksicht auf ihre Sicherheit unkenntlich gemacht. © Serge Daniel/AFP/Getty Images

Europäische Regierungen haben seit 2008 mindestens 125 Millionen Dollar an das Terrornetzwerk Al-Kaida und seine Ableger gezahlt. Wie aus Recherchen der New York Times hervorgeht, haben EU-Staaten insbesondere durch Lösegeld für verschleppte europäische Staatsbürger somit unwillentlich zur Aufrüstung extremistischer Netzwerke beigetragen.  

Journalisten der Zeitung hatten ehemalige Geiseln, Verhandlungsführer, Diplomaten und Beamte aus zehn Ländern in Europa, Afrika und dem Nahen Osten befragt. Teilweise waren die recherchierten Fälle bereits bekannt, Details über Geiselhaft und Höhe des gezahlten Geldes sind dagegen neu.    


Allein im vergangenen Jahr hätten Al-Kaida und deren Partnerorganisationen 66 Millionen Dollar (etwa 50 Millionen Euro) durch das Freipressen von Geiseln eingenommen. Ein Großteil dieser Zahlungen sei aus Europa gekommen. Lösegeld ist demnach die Haupteinnahme der Islamisten. Verwendet würden die Zahlungen für das Werben und das Training neuer Mitglieder und für den Kauf von Waffen.

Dass europäische Staaten und auch die Bundesregierung in einzelnen Fällen große Summen an Kidnapper zahlen, obwohl die Verantwortlichen wissen, dass sie damit terroristische Netzwerke unterstützen, ist bekannt. Neu ist hingegen die detaillierte Zusammenstellung der Fälle durch die New York Times

Da Lösegeldzahlungen von den Regierungen der erpressten Staaten grundsätzlich nicht bestätigt werden, stritten die Außenministerien von Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz gegenüber der Zeitung ab, Geld an Terroristen gezahlt zu haben. Die Recherche spricht damit ein heikles Thema an, Freikäufe von Europäern werden seit Jahren kritisiert. Um offene Zahlungen zu vermeiden, tarnten die Regierungen die Lösegelder teilweise als Entwicklungshilfe.  

Entwicklungshilfe an Islamisten

In den Interviews erzählten ehemalige Diplomaten, die als Verhandlungsführer bei Entführungen im Einsatz waren, von den quälenden Kalkulationen und den Risiken des Verhandelns mit Terroristen. Oft gebe es nur die Möglichkeit, große Summen Lösegeld zu bezahlen oder das oftmals grausame und öffentliche Töten Unschuldiger in Kauf zu nehmen. Einmal gezahlte Lösegelder ermunterten die Kriminellen, erneut Geiseln zu nehmen und Lösegeld zu fordern.  

Die Zeitung führt ein Beispiel aus Mali an, bei dem ein deutscher Diplomat fünf Millionen Euro Lösegeld übergab, um 32 europäische Geiseln freizubekommen. Das Geld wurde offiziell als Entwicklungshilfe getarnt, tatsächlich floss das Geld an Islamisten. Alle Geiseln kamen damals frei, eine Deutsche war zuvor in der Geiselhaft gestorben. Offiziell schweigt die deutsche Regierung bis heute darüber. Auch zu vergleichbaren Fällen haben sich europäische Regierungen bislang nicht geäußert.