In Jalta blühen die Bäume. Unter Magnolien spielt eine Blaskapelle, Menschen liegen wie in jedem Sommer am Strand, wenn auch deutlich weniger als in früheren Jahren, weil Touristen aus der Ukraine und dem Westen fehlen, in der Ferne leuchten die Berge. 

Im wichtigsten, traditionsreichen Urlaubsort der Krim, bis zum März wie die gesamte Halbinsel ein Teil der Ukraine, bis sie erst von russlandtreuen Kämpfern besetzt, dann abgespalten und schließlich von Moskau annektiert wurde, herrscht ein merkwürdiger sommerlicher Frieden. Vom Krieg, der nicht weit entfernt in der Ostukraine zwischen Separatisten und Kiewer Truppen tobt und in dem jeden Tag Menschen sterben, ist hier nichts zu spüren. Die meisten Menschen begegnen dem Leiden im Rest des Landes, zu dem sie noch vor Kurzem gehörten, mit Gleichgültigkeit. Die Promenaden am Schwarzmeerufer sind gut gefüllt, die Stadt liegt träge unter blauem Himmel. 

Und doch hat sich vieles geändert. Russland und seine Symbole sind jetzt  allgegenwärtig – groß, mächtig, triumphierend. Spaziergänger tragen Sportanzüge mit dem goldenen zweiköpfigen Adler des Zaren auf dem Rücken. Die Souvenirläden sind voll mit Russlandfähnchen und "Wir glauben an Putin!"-T-Shirts. Wenn man Passanten fragt, wie viele Menschen auf der Krim Russland unterstützen, so fällt die Antwort immer gleich aus: "100 Prozent!" Gespräche über die restliche Ukraine hören sich an wie eine Ansammlung von Propagandafloskeln aus dem russischen Fernsehen: "Banderowzy", "Faschisten", "Die Krim gehört uns!" Es wirkt wie eine Massenhypnose.  

Flüstern bei Kirschkuchen

Alle, die nicht lauthals Russland unterstützen, wirken eingeschüchtert und in die Ecke gedrängt, wie Schatten. Sie laden zu sich nach Hause ein und servieren Kirschkuchen mit kalter Milch. Bevor sie anfangen zu reden, schließen sie die Fenster. Sie flüstern und bitten darum, nicht Ukrainisch zu sprechen.

Diese Menschen möchten nicht glauben, dass Kiew sie hat fallen lassen, ohne einen Schuss abzugeben. Sie warten auf eine Rückkehr zur Ukraine. Sie lassen aus Prinzip ihre Pässe nicht ändern. Sie stellen – im Gegensatz zum Rest der Krim – aus Prinzip auch ihre Uhren nicht auf die Moskauer Zeit um. Diejenigen, die noch nicht endgültig eingeschüchtert sind, laufen in blauen Kleidern und gelben Sakkos herum, den ukrainischen Landesfarben. Aber sie stehen alleine da.

Die Frauen unter ihnen erinnern an die Ehefrauen von Dekabristen, die aufständischen Offiziere und Intellektuellen, welche 1825 dem russischen Zaren Nikolaus I den Treueeid verweigerten und dafür teils hingerichtet, teils in die sibirische Verbannung geschickt wurden. Die Männer sind zum Teil in die Ukraine oder nach Polen geflohen. Die Frauen sind noch da. Manchmal rufen bei ihnen Nachbarn an, fast unbekannte Menschen. Die möchten nur reden. Im Zustand der vollständigen Isolation und aggressiven Russifizierung brauchen sie jemanden, mit dem sie offen und ohne Angst sprechen können.


In den Amtsstuben der neuen Regierung erzählt man den Frauen der Emigranten, dass sie nach den jetzt geltenden russischen Gesetzen verpflichtet seien, ihre Arbeitsverträge zu kündigen und neue zu beantragen – verbunden mit dem Hinweis, dass nur diejenigen ihre Stelle behalten würden, die "politisch bewusst" seien. Sprich: für Russland. Dieser sowjetische Ausdruck erlebt nach fast 25 Jahren auf der Krim eine Renaissance.