Ukrainischer Panzer in einem Konvoi auf dem Weg in die Region um Luhansk © Genya Savilov/AFP/Getty Images

Mit jedem Raketenwerfer, jeder Kiste Munition, jedem Kämpfer, der von russischer Seite über die Grenze ins Land gelangt, hat die Ukraine immer weniger die Wahl: Sie muss ihre Militäroffensive gegen die Separatisten im Osten fortsetzen. Denn Russland ist offenbar nicht bereit, irgendetwas zu unternehmen, um den Nachschub für die Milizen zu unterbinden oder sich auch nur von ihnen deutlich zu distanzieren.

Dass der Waffenschmuggel in den vergangenen Wochen drastisch zugenommen hat, ist sicher eine Reaktion auf die militärischen Erfolge der ukrainischen Armee. Die Rebellen scheinen an Boden zu verlieren. Nach heftigen Gefechten und Luftangriffen wurden sie weitgehend in die Städte Donezk und Luhansk und einige umliegende Gebiete zurückgedrängt.

Noch vor zwei Monaten hatten die prorussischen Milizen keine Mühe, nahezu täglich neue Städte und Dörfer zu besetzen. Die von ihnen ausgerufenen Volksrepubliken Donezk und Luhansk umfassten zu Hochzeiten ein Gebiet vom Hafen in Mariupol am Asowschen Meer bis nach Slowjansk, das ihr militärisches Hauptquartier war.

Doch parallel zu den territorialen Verlusten wird die militärische Ausstattung der Rebellen besser. Nur so konnte es zum Abschuss des Malaysia-Airlines-Passagierflugzeugs kommen. Die Separatisten hatten schon zuvor zunehmend moderneres Gerät bekommen. Nun setzen sie in Donezk und Luhansk ihre Herrschaft mit aller Gewalt durch: Entführungen, Folter und Hinrichtungen gehören nach einem Bericht der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, zu ihren Mitteln. Außerdem schießen die Separatisten von Wohnhausdächern auf Armeestellungen und kalkulieren zivile Opfer kaltblütig ein.

Der gefährliche Teil kommt erst noch

Der Bodenverlust der Milizen ist ohnehin nur ein kleiner Erfolg für die ukrainische Armee. Die eher ländlichen Gebiete, Dörfer und kleinen Städte, welche die Regierung wieder unter ihre Kontrolle bringen konnte, sind – abgesehen von Slowjansk – nur ein Anfang. Die großen Städte Donezk und Luhansk zu befreien, ist viel schwerer, es kann lange dauern, und dabei dürften noch einmal mehr Menschen sterben. Mehr als 1.000 Zivilisten sind bei den Kämpfen in der Ostukraine seit April schon getötet worden.

Human Rights Watch macht auch der ukrainischen Armee Vorwürfe: Sie habe wenig präzise Grad-Raketen (die aber ebenfalls von den Separatisten eingesetzt werden) in dicht bewohnten Gebieten eingesetzt. Die Organisation spricht von Kriegsverbrechen. Die zusammengewürfelten und teils schlecht ausgebildeten ukrainischen Truppen kämpfen mit allem, was ihnen zur Verfügung steht. Und sie sind nach dem Abschuss des Passagierflugzeugs und mehrerer Militärmaschinen nicht zimperlicher geworden. Das russische Außenministerium spricht denn auch davon, die ukrainische Armee fahre einen "massiven Angriff auf friedliche Städte und friedliche Bürger in der Ostukraine", sie führe "Krieg gegen das eigene Volk". In Richtung Westen hieß es zuletzt: Die Verantwortung für Opfer unter der Zivilbevölkerung liege auch bei denen, "die solche Verbrechen unterstützen".

Um es noch einmal festzuhalten: Teile der separatistischen Milizen mögen aus der Region kommen, ihr Aufstand mag sich ursprünglich aus den Spannungen in der Ukraine zwischen West und Ost gespeist haben. Sie mögen Sympathien in der Bevölkerung gehabt haben. Doch eine Volksbewegung sind sie nicht.

Von Russland bestärkt und bewaffnet

Allerdings hat es die ukrainische Armee mit ihrem brutalen Vorgehen in den vergangenen Wochen vermutlich nicht geschafft, die Menschen im Osten nachhaltig auf ihre Seite zu bringen. Auch war die Vergeltungsrhetorik des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko dafür nicht hilfreich. Die kompromisslose Militäroperation der ukrainischen Regierung wirft durchaus Fragen auf. Doch sie zu beenden, ist keine Option.

Denn der Krieg in der Ostukraine ist ein asymmetrischer Konflikt, den Russland gegen die Ukraine schürt. Die USA und die EU sind sich mittlerweile einig, daher die jüngsten Sanktionen, dass die Separatisten maßgeblich von Russland bestärkt, bewaffnet, ausgebildet und gelenkt werden. Das erst machte sie so gefährlich und ermöglichte ihnen, der ukrainischen Armee so lange so erbittert Widerstand leisten zu können. Darin liegt die Ursache, dass der malaysische Jet vom Himmel geschossen wurde.

Dass die ukrainische Armee derzeit versucht, das Gebiet um die Absturzstelle unter ihre Kontrolle zu bringen, ist heikel, weil die Experten, die den Abschuss untersuchen sollen, währenddessen nichts ausrichten können.

Aber die Absturzstelle ist nicht der einzige Schauplatz dieses Krieges. Die gefährlichste Eskalation findet nicht dort statt. Sie geschieht in Donezk, Luhansk – und an der Grenze: Die Gefahr, dass Russland noch sehr viel direkter in den Konflikt eingreift, ist nicht gebannt.