Die angebliche Mitschrift eines Telefonats zwischen US-Präsident Barack Obama und Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sorgt für Aufregung in beiden Ländern. Obama soll in dem Gespräch Netanjahu wegen der israelischen Militäroffensive sehr deutlich zurechtgewiesen und mit Nachdruck einen einseitigen Waffenstillstand gefordert haben. Obama sei "unfreundlich, halsstarrig und nicht offen für Gegenargumente" gewesen sein, berichtete die Times of Israel unter Berufung auf den israelischen TV-Journalisten Oren Nahari, der das Gespräch öffentlich gemacht hat.

Die USA und die israelische Regierung dementierten umgehend die Echtheit der Mitschrift, die am Dienstag im israelischen Sender Channel 1 ausgestrahlt worden war. Die zitierten Sätze hätten "keinerlei Bezug zur Realität", twitterte der Nationale Sicherheitsrat der USA. Es sei "schockierend und enttäuschend", dass sich jemand dazu herablasse, absichtlich eine falsche Darstellung des Gesprächs in der israelischen Presse zu verbreiten.

Doch der Journalist Nahari sagte der Times of Israel, er bleibe dabei, dass das Gespräch echt sei. Er habe die Mitschrift des 35-minütigen Gesprächs von einem amerikanischen Regierungsmitglied erhalten. 

Die Berichte bestätigen zwar auch offizielle Regierungsangaben, nach denen sich Obama und Netanjahu einig gewesen seien, dass Israel das Recht habe, sich gegen Raketenangriffe aus Gaza zu verteidigen und der Gazastreifen entmilitarisiert werden müsse. Doch die offizielle Version, nach der Obama "zunehmend besorgt" über die wachsende Zahl an zivilen Opfern unter den Palästinensern sei, ist offenbar deutlich diplomatischer, als es nach Naharis Angaben war. 

"Der Ball liegt bei Israel"

(Der Journalist Nahari im israelischen TV, auf Hebräisch)

Demnach lief das Gespräch an der entscheidenden Stelle zur Forderung nach einem Waffenstillstand folgendermaßen ab:

Obama: "Ich verlange, dass Israel einem unverzüglichen, einseitigen Waffenstillstand zustimmt und alle Angriffe beendet – besonders die Luftangriffe."

Netanjahu: "Und was wird Israel für eine Feuerpause bekommen?"

Obama: "Ich bin mir sicher, dass Hamas aufhören wird, Raketen zu schießen – Ruhe gegen Ruhe."

Netanjahu: "Aber Hamas hat bisher alle fünf Waffenstillstände gebrochen. Es ist eine Terrororganisation, die sich der Zerstörung Israels verpflichtet hat."

Obama: "Ich wiederhole: Ich erwarte von Israel, alle Militäroperationen einseitig zu beenden. Die Bilder von der Zerstörung Gazas lassen die Welt von Israels Position abrücken."

Netanjahu: "(US-Außenminister John) Kerrys Vorschlag war völlig unrealistisch und hätte Hamas diplomatische und militärische Vorteile verschafft."

Obama: "Innerhalb einer Woche nach dem Ende der israelischen Militäroperationen werden Katar und die Türkei Verhandlungen mit der Hamas auf Basis des Waffenstillstands von 2012 beginnen, eingeschlossen der Belagerung und weiterer Beschränkungen Israels gegenüber Gaza."

Netanjahu: "Katar und die Türkei sind die größten Unterstützer der Hamas. Es ist unmöglich, auf sie als unabhängige Vermittler zu vertrauen."

Obama: "Ich vertraue Katar und der Türkei. Israel ist nicht in der Position, sich seine Vermittler aussuchen zu können."

Netanjahu: "Ich protestiere. Hamas wird weiter in der Lage sein, Raketen zu schießen und Tunnel für Terrorangriffe zu nutzen ..."

Obama (unterbricht Netanjahu): "Der Ball liegt bei Israel. Es muss alle militärischen Operationen stoppen."

Trotz der Dementi beider Seiten könnte die Veröffentlichung des Gesprächs die politischen Beziehungen weiter belasten. Die US-Regierung hatte bereits verstimmt auf israelische Kritik an den Friedensbemühungen von Außenminister Kerry reagiert. Israelische Medien hatten ebenfalls Missfallen darüber bekundet, dass sich der US-Außenminister auch mit Vertretern von Katar sowie der Türkei traf und damit angeblich das Gleichgewicht in den Gesprächen zugunsten der Hamas veränderte. Ein Kommentator der linksliberalen Zeitung Haaretz bezeichnete das Vorgehen Kerrys als fahrlässig.

US-Außenamtssprecherin Jen Psaki hatte am Montag deshalb verärgert von einer bewussten Desinformationskampagne aus Israel gesprochen. "Aus unserer Sicht ist das einfach nicht die Art, wie Partner und Verbündete miteinander umgehen", sagte sie. US-Sicherheitsberaterin Susan Rice hatte erklärt, die USA seien über Schilderungen in der israelischen Presse bestürzt, die die Bemühungen Kerrys nach ihren Worten in ein falsches Licht rückten.

Längster Krieg seit 2006

Der seit 23 Tagen andauernde Militäreinsatz im Gazastreifen ist inzwischen Israels längster Krieg seit 2006. Seit Beginn der Militäroffensive am 8. Juli starben nach neuesten Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza 1.258 Menschen, über 7.100 wurden verletzt. Laut israelischem Militär starben 53 Soldaten und drei Zivilisten. Wie der Sprecher des UN-Hilfswerks UNRWA, Chris Gunness, mitteilte, starben auch fünf UN-Mitarbeiter, darunter drei für UNRWA tätige Lehrer. Bislang hätten mehr als 200.000 Palästinenser in UN-Schulen Schutz gesucht. Israel begründet seine Offensive mit dem anhaltenden Raketenbeschuss radikaler Palästinenser. Zerstört werden soll auch das Tunnelsystem der Hamas.