Cowboyhüte in Deutschland-Farben ©  Marco Secchi/Getty

Ab und zu bekomme ich eine wütende E-Mail, in der damit gedroht wird, wenn die USA so weitermachen, wende sich Deutschland aber bald von ihnen ab – und stattdessen Russland zu.

Warum solche Drohungen ausgerechnet an mich gerichtet sind und nicht ans Weiße Haus, weiß ich auch nicht. Trotzdem bekomme ich sie so oft, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass manche Deutsche gar nicht begreifen, wer sie heute sind.

Die Idee, Deutschland könne Amerika als Partner Nummer eins durch Russland ersetzen, diese Idee funktioniert nur, wenn man glaubt, der Kalte Krieg sei noch nicht vorbei. Damals kämpften die USA und die UdSSR um den Vorrang und kleine Vasallen wie Deutschland mussten sich entscheiden, wem sie ihre Treue versprechen. Ähnlich wie ein Kind bei der Scheidung seiner Eltern. Aber ein Kind ist zu jung, um den dritten Weg zu gehen: Nämlich ein eigenes Leben auf die Beine zu stellen und auf die Spielchen seiner verzankten Eltern zu pfeifen. 

Wollen die Deutschen nicht ihr eigenes Herrchen sein?

Seit Ende des Kalten Krieges ist Deutschland faktisch nicht mehr von den USA abhängig. Trotzdem begreifen viele Deutsche die USA immer noch als Herrchen, und wenn sie richtig rebellisch sind, träumen sie davon, mal ein anderes Herrchen zu bekommen. Davon, ihr eigenes Herrchen zu werden, davon träumen die Deutschen nicht.

Was wäre, wenn Deutschland sich wirklich von Amerika ab- und Russland zuwendet?

Interessanterweise gibt es genau für diesen Fall eine historische Präzedenz: Wie hat Amerika reagiert, als Gerhard Schröder die (Wirtschafts-)Beziehungen zu Russland dermaßen ausbaute, dass die Deutschen heute nur verhalten meckern dürfen, wenn Russland ein fremdes Land annektiert? Gar nicht. 

Was passierte, als Deutschland seine Beziehungen zu China ausbaute, sodass das Reich der Mitte als Wirtschaftspartner heute fast so wichtig ist wie die USA? Gar nichts. 

Deutschland ist kein Kind mehr. Es ist längst erwachsen und geht seinen eigenen Weg. Es ist in eine WG mit Frankreich und anderen europäischen Taugenichtsen eingezogen und ist mit ihnen zusammen im Begriff, mit viel Blabla und langem Atem diese WG zu einem eigenen Zuhause, auch genannt "EU", auszubauen, das irgendwann ebenso mächtig sein wird wie die USA selbst.