Im Juni 1989 – der Kommunismus in Ungarn war noch nicht ganz am Ende – kletterte ein langhaariger, 26 Jahre junger Mann auf die Bühne am Budapester Heldenplatz und fing an zu reden. Zweihunderttausend Menschen hörten ihm atemlos zu, als er freie Wahlen und den Rücktritt der Regierung forderte. Und den Abzug der sowjetischen Truppen. Die Menge jubelte.

Es war riskant, fast lebensgefährlich, was er verlangte. Aber all das, wofür er damals eintrat, hat er in den darauf folgenden Jahren als Abgeordneter im Parlament durchgesetzt: Er kämpfte für Medienfreiheit und gute Bedingungen für Nichtregierungsorganisationen. Die Partei, die er anführte, benannte er in Ungarische Bürgerunion. In Bürgerbewegungen sah er nämlich die Grundlage der modernen Gesellschaft – er selbst war noch während des Kommunismus ein Stipendiat der George Soros Foundation gewesen.

Aber nach 25 Jahren ist das alles vorbei und vergessen. Die beiden Viktor Orbáns – den damals 26-jährigen Vorkämpfer einer liberalen westlichen Demokratie und den heute 50-jährigen Regierungschef des Landes – verbindet so gut wie nichts mehr miteinander.

Am Wochenende hielt Orbán im rumänischen Baile Tusnad eine Rede, in der er seine politischen Vorstellungen nach der im April gewonnen Wahl so unverblümt darlegte wie noch nie. "Die liberale Demokratie ist am Ende. Sie garantiert den ungarischen Familien keinen Wohlstand und keinen Schutz der nationalen Interessen mehr. Der ungarische Staat wird sich nicht weiter an liberale Werte halten", verkündete er kurz und bündig. Statt den westlichen Mustern zu folgen, sollten die Ungarn lieber in andere Richtungen schauen. 

Vorbilder: Russland, China, Singapur, die Türkei

Und er machte klar, welche Länder für ihn Vorbilder sind: "Es ist von größter Bedeutung, zu begreifen, wie die Systeme in China, Singapur, Türkei und Russland funktionieren", sagte Orban. Alle vier von ihm genannten Länder sind Prototypen autoritärer Herrschaft. Mit einem westlichen, liberalen Politik- und Gesellschaftsmodell haben sie nichts zu tun.

Der Premierminister, der selbst seit Längerem ausgeprägt autoritäre Züge zeigt, machte auch deutlich, dass er keine weiteren Ausländer in seinem Land dulden möchte. "Wollt ihr wirklich, dass die kommen?", fragte er das Publikum. Es war wohl eine eher rhetorische Frage.  

Selbst die Nichtregierungsorganisationen, die er vor Jahren noch in Schutz genommen hatte, griff er offen an. Wie Russlands Präsident Wladimir Putin, sein größtes Vorbild, meinte Orbán, es handele sich um "vom Ausland bezahlte politische Aktivisten". Und er begrüßte es, dass im Parlament seit Neustem ein Ausschuss berufen worden ist, der aus dem Ausland unterstützte Organisationen nach russischem Vorbild beobachten, registrieren und als "ausländische Agenturen" entlarven soll. 

Schock für Liberale

Auch wenn seine Gegner von Orbán Übles gewohnt sind, war seine Rede für Liberale und Demokraten ein Schock. Die Sprecher der oppositionellen Liberal-linken Koalition kritisierten, der Premier sei so autoritär geworden, dass er sogar die Sprache von Wladimir Putin benutze, der überall Agenten des Westens am Werke sehe und für innere Konflikte verantwortlich mache. Gabor Fodor, der einst zu den Mitgründern von Orbáns Fidesz-Partei gehört hatte und heute eine liberale Partei anführt, sagte, Orbán greife "die Grundlage der Demokratie" an, und er negiere "alles, wofür er mal kämpfte".

Das autoritäre, anti-westliche Gebaren des ungarischen Regierungschefs ist zwar nicht neu. Schon vor ein paar Wochen meinten seine Regierungsleute, die vom Ausland aus unterstützten Organisationen würden "linke Propaganda" verbreiten. Tatsächlich ging es um Organisationen wie Transparency International und unabhängige Medien, die Korruptionsskandale der Regierung enthüllten; ein neues Steuergesetz könnte zur Schließung der letzten freien Medien führen. Neu ist jedoch, dass Orbán diesmal mit offenem Visier auftritt. In der Vergangenheit hatte der Premier die Drecksarbeit seinen Leuten überlassen.

Abwendung von der EU

Orbáns unverhohlene Anlehnung an Putin weckt nicht nur neue Ängste in der EU, dass er sein Land endgültig von gemeinsamen demokratischen Grundregeln wegführen will. Es stellt sich ebenso die Frage, ob er außenpolitisch verlässlich bleibt. Klar ist schon, dass er nicht vorhat, die von der EU beschlossenen Wirtschaftssanktionen gegen Russland mitzutragen. "Ich habe nicht vor, ungarische Interessen nur wegen der Ukraine aufs Spiel zu setzen", sagte er vergangene Woche. Und er kündigte an, dass Ungarn die umstrittene Gaspipeline South Stream weiter bauen werde, die Ukraine umgeht. 

Er wolle so wenig wie möglich mit der EU zu tun haben, betont Orbán. Fraglich ist allerdings, was er mit den Geldern macht, die sein Land aus Brüssel bekommt. Es besteht der Verdacht, dass sie zum Teil auf dubiose Weise vergeben wurden. Die EU-Kommission hatte in der Vergangenheit bereits einige der Programme eingestellt, jetzt läuft ein Verfahren wegen der Finanzierung der Landesautobahnen. Einen Großteil der Mittel dafür – ungefähr 300 Millionen Euro – hat seit 2007 die Firma Közgép kassiert, die dem Geschäftsmann Lajos Simicska, einem Schulkameraden von Orbán, gehört. Simicska steht Fidesz sehr nahe. Er macht auch gemeinsame Geschäfte mit einem anderen Bekannten von Orbán, dem Medienmogul Zsolt Nyerges. Dessen Medien sind sehr regierungsfreundlich.

Überhaupt hat Orbán über viele Jahr ein Netz von Geschäftsleuten, Medien und Organisationen aufgebaut, die seine Partei und Politik unterstützen. Noch gibt es oppositionelle Zeitungen, die Regierungsskandale aufdecken. Dennoch haben Orbán und Fidesz derzeit keine wirkliche Konkurrenz zu fürchten. Die Opposition ist schwach und zerstritten, sie bietet keine richtige Alternative. Professor Andrea Peto von der Central European University meint, das sei teilweise auch Orbáns geschickter Politik zu verdanken. Fidesz dringe durch Medien und verschiedene Organisationen tief in die Gesellschaft ein. "Was wir jetzt sehen, ist, dass diese politische Partei eine neue Gesellschaft erschaffen hat."

Dies war offensichtlich das Ziel von Viktor Orbán, der letztes Jahr in London angekündigt hatte, Ungarn sei "im gesellschaftlichen Sinne eine Art Labor". Das Experiment scheint voranzugehen.