Vor gut sechs Jahren war er noch Mann des Jahres. Er schaute diabolisch vom Titelblatt der Zeitschrift TIME, aber seine Wahl war ein Zeichen weltweiten Respekts. Wenn Wladimir Putin heute auf westlichen Titelblättern erscheint, wird er als Brandstifter dargestellt, als Gefahr für den Weltfrieden und als einer, der unbedingt gestoppt werden muss. Ärgern dürfte ihn das kaum mehr.

Denn schon vor der Ukraine-Krise waren ausländische Journalisten aus Kreml-Sicht in ihrer Mehrzahl käuflich oder gar Spione. Jetzt, in Zeiten des Informationskrieges, den Moderatoren des russischen Staatsfernsehens ausgerufen haben, gelten die Medien im Westen durchweg als Propagandamaschine einer ansonsten hilflosen und schwachen liberalen Welt. Die westliche Botschaft, nach der "Russland an allem schuld sei", wie es ein russischer Blogger ausdrückte, habe nur ein Ziel: Die russischen Bürger sollten zu unbedachten Handlungen und ins Chaos geführt werden. Dass sich kaum jemand in Russland für das Titelblatt des Spiegel oder die Artikel der FAS interessiert, bleibt in dieser Verschwörungstheorie unberücksichtigt.

Die Kritik in den westlichen Medien spielte zudem in Russland kaum eine Rolle, da Putins Ukraine-Bilanz aus Innensicht bis vor Kurzem glänzte: Er hat die Krim in den russischen Staatsverband geholt und sich damit endgültig in die Geschichte eingeschrieben. Der kühne Streich sollte die Handlungsmöglichkeiten der neuen Machthaber in Kiew einschränken sowie die Nato-Mitgliedschaft und vor allem den Verlust des Schwarzmeerhafens von Sewastopol verhindern. Das ist vorerst gelungen.

Vormarsch statt Rückzug

Es war zudem ein Akt, der nach 25 Jahren Unterlegenheitsgefühl gegenüber den USA erstmals demonstrativ die Eigenständigkeit unterstrich: Vormarsch statt Rückzug. Das führte keineswegs in die globale Isolierung, denn antiamerikanische Ressentiments verbinden Putin mit den Staatschefs der Brics-Staaten oder der Präsidentin Argentiniens, die dem russischen Staatsfernsehsender Russia Today noch vor Tagen einen Sonderplatz im landesweiten Programmmenü zugestand.

Zu Hause brachte Putin der Krim-Coup Zustimmungsraten jenseits der 80 Prozent. Die Opposition, die sich 2012 erstmals in einer Art breitem Bündnis von Nationalisten bis zu Liberalen öffentlich gezeigt hatte, ist zerschlagen. Nationalisten und Linke preisen den Rückgewinn der Krim, Liberale lehnen ihn ab. Dass es sich Putin endgültig mit der liberal gesinnten Minderheit der "kreativen Klasse" verdorben hat, kann er machtpolitisch leicht verschmerzen. Häme des Kremls gegenüber "Computerhamstern", die nur im Internet hausen, war schon früher angeklungen. Ihr Verlust durch innere Emigration oder Auswanderung ist einer Landesführung egal, die höchstens mittelfristig und vor allem im Sinne des eigenen Machterhalts denkt.

Der Abschuss des Flugzeugs hat alles verändert

Doch der vermutliche Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs hat alles verändert. Russlands Bild verdüsterte sich auch bei den freundlich gesinnten Staaten der Welt, gerade in Asien. Die asiatische Wahl, die Russland so gerne als Schritt der Emanzipation vom Westen beschreibt, wirkt nun notgedrungen. Länder wie China versuchen, davon zu profitieren. Das ökonomisch zweifelhafte Gasgeschäft, das Russland im Mai mit China abschloss, gilt als Beispiel dafür.

Moskauer Politologen, die nach der Annexion der Krim Putin freundlich salutierten, bemühen sich wieder um Abstand. Der Chefredakteur der Zeitschrift Russland in der globalen Politik, Fjodor Lukjanow, beklagt, Russlands Führung habe das Momentum des Krim-Triumphes nicht genutzt. Es fehle die klare Positionierung Russlands: Sieht es sich als Macht des Westens oder des Ostens, mit postsowjetischen Einflussansprüchen oder als Weltmacht über die Ukraine-Krise hinaus? Der Kreml hat, so scheint es, keine Strategie.