Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sissi © Ebrahim Hamid/AFP/Getty Images

Noch nie wurden in so kurzer Zeit so viele Vereinbarungen über einen Waffenstillstand geschlossen, ausgerufen und sofort wieder gebrochen wie in den 29 Tagen des jüngsten Gaza-Krieges. Seit Dienstagfrüh nun scheint die Waffenruhe tatsächlich zu halten. 72 Stunden sind zunächst vereinbart. In dieser Zeit treffen sich in Kairo die Feinde auf dem Schlachtfeld zum ersten Mal zu Gesprächen. Nicht Auge in Auge – beide Seiten sind in verschiedenen Hotels untergebracht, reden nur indirekt und über ägyptische Pendelemissäre miteinander. Alle Beteiligten jedoch wissen, dass die gegenwärtige Lage völlig untragbar ist. Und der Druck der internationalen Gemeinschaft ist monumental geworden, endlich die Ursachen für die immer apokalyptischeren Waffengänge anzupacken.

Israels drei Unterhändler reisten Dienstag per Flugzeug nach Kairo, unter ihnen auch Amos Gilad, der bereits den Waffenstillstand nach dem Krieg 2009 aushandelte. Hamas und Islamischer Jihad kamen per Auto aus Rafah und treten erstmals mit den Fatah-Gesandten aus Ramallah als gemeinsame Delegation auf. Ganz oben auf ihrer Acht-Punkte-Liste steht ein Ende der achtjährigen Blockade des Küstenstreifens. Die palästinensische Seite verlangt einen Flug- und Seehafen, die permanente Öffnung der Grenzübergänge, Reisefreiheit für die 1,8 Millionen Bewohner sowie den Wiederaufbau der zerbombten Stadtviertel. Der bereits fertig gebaute Airport am Südzipfel liegt schon ewig in Trümmern. Ein provisorischer Containerterminal ließe sich in sechs Monaten errichten. Fischerboote dürfen bisher nur vier Kilometer weit aufs offene Meer, sonst werden sie von Israels Marine beschossen. Selbst die jahrelangen Versuche von internationalen Aktivisten, durch eine Gaza-Hilfsregatta Israels Seeblockade symbolisch zu durchbrechen, wurden von Tel Aviv stets mit Gewalt blockiert.

Israel wiederum verlangt ein dauerhaftes Ende des Raketenbeschusses, fordert eine Demilitarisierung des Gazastreifens und eine Entwaffnung der Hamas, was deren Vertreter rundherum ablehnen. "Wer auch immer versucht, uns die Waffen wegzunehmen, dem nehmen wir das Leben", twitterte Ezzat Al-Rishq, Delegationsmitglied der Hamas, bereits kurz nach seiner Ankunft am Nil. Dagegen scheint Premier Benjamin Netanjahu zu einer Lockerung der Blockade bereit, vorausgesetzt, alle Gaza-Grenzübergänge werden der Fatah-Kontrolle und damit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas unterstellt.

Professionellere Vermittlungen

Auch Ägypten scheint sich zu bewegen und geht diesmal diplomatisch professioneller zu Werke als zu Beginn des Konflikts vor vier Wochen. Damals hatte Präsident Abdel Fattah al-Sissi eine erste Waffenruhe per Telefon mit Netanjahu vereinbart, hielt es aber nicht für nötig, auch die Hamas einzubeziehen. Inzwischen scheint die ägyptische Führung, die Gazas Islamisten verachtet und sämtliche Wirtschaftstunnel in Rafah zerstören ließ, einer gewissen Öffnung ihrer Grenze zuzustimmen. Mehr jedoch nicht. Denn Kairo will nicht von Israel die Versorgung der Enklave de facto zugeschoben bekommen. Und Kairo fürchtet ein Zusammenwachsen der radikalen Problemzonen von Gaza und Sinai.

Die Vereinigten Staaten und Europa halten sich derweil im Hintergrund. Die Häme und der offene Hass, die US-Außenminister John Kerry zuletzt aus Israel entgegenschallten, hat die Regierung in Washington tief verstört. Auch Frankreichs Außenminister Laurent Fabius beurteilt die Aussichten bisher eher skeptisch. "Israels Recht auf Sicherheit ist absolut, aber es rechtfertigt nicht das Töten von Kindern und das Abschlachten von Zivilisten", sagte er. "Eine politische Lösung ist unabdingbar – und sollte beiden Seiten von der internationalen Gemeinschaft aufgezwungen werden."