Die Bundesregierung verschärft den Ton gegenüber Russland. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, die Hinweise auf die Präsenz von Russen und die Verwendung russischer Waffen in der Ukraine hätten sich verdichtet. "Das alles zusammen addiert sich zu einer militärischen Intervention." Zugleich bekräftigte Seibert die Ankündigung der Kanzlerin Angela Merkel (CDU), der EU-Sondergipfel in Brüssel werde über weitere Sanktionen gegen Russland beraten.

US-Präsident Barack Obama machte die russische Regierung für die eskalierende Gewalt verantwortlich, schloss ein militärisches Eingreifen aber aus. Es gebe Wege, die bereits gegen Russland verhängten Sanktionen zu erweitern. In Brüssel berieten die ständigen Botschafter der 28 Nato-Staaten über die jüngsten Entwicklungen.

Der Russland-Beauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD), sagte der Passauer Neuen Presse, Putin sei zum "äußersten politischen Risiko" bereit, um die Separatisten vor einer drohenden Niederlage zu schützen. Russlands Präsident Wladimir Putin sagte, die Aufständischen würden mit ihrer Offensive die Militäreinsätze der ukrainischen Regierung abwehren, die eine tödliche Gefahr für die Zivilbevölkerung darstellten. Zu Vorwürfen der Nato, wonach "deutlich mehr als 1.000 russische Soldaten" mit schweren Waffen innerhalb der Ukraine agieren sollen, sagte er nichts.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow wies die Vorwürfe der Nato zurück: "Wir hören solche Spekulationen nicht zum ersten Mal, aber die USA haben sie nie mit Fakten belegt." Satellitenbilder mit angeblichen russischen Truppenbewegungen seien als Beweise ungeeignet. Die Nato hatte am Donnerstag Aufnahmen veröffentlicht, die ihre Einschätzung belegen sollen.

Putin fordert Waffenruhe von Kiew

Putin appellierte an die prorussischen Rebellen, einen Fluchtkorridor für eingekesselte ukrainische Einheiten einzurichten. Von der Regierung in Kiew forderte Putin erneut eine sofortige Waffenruhe. Eine Aufforderung an die Aufständischen, das Feuer einzustellen, enthält die Mitteilung hingegen nicht.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko will an diesem Samstag zu Gesprächen mit der EU nach Brüssel reisen, wie er in einem Gespräch mit der deutschen Bundeskanzlerin ankündigte. In Brüssel tagt am Wochenende der EU-Gipfel.

Bundeswehr versorgt Verwundete

Die Bundeswehr will die Ukraine bei der Versorgung Verwundeter unterstützen. Bis zu 20 Soldaten, die bei den Kämpfen mit prorussischen Separatisten in der Ostukraine verletzt wurden, sollen mit einer Spezialmaschine nach Deutschland gebracht werden, wie der Sanitätsdienst der Bundeswehr mitteilte.

Zur Vorbereitung der Hilfsaktion sollten am Freitag vier Bundeswehr-Ärzte nach Kiew fliegen. In enger Abstimmung mit deutschen Diplomaten sollten sie Verwundete auswählen, die von einer medizinischen Behandlung in Deutschland profitieren könnten. Sie sollen dann in die Bundeswehrkrankenhäuser Berlin, Hamburg und Koblenz gebracht werden.

UN wirft Separatisten Terrorherrschaft vor

Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte warf den Separatisten eine regelrechte Terrorherrschaft in den von ihnen kontrollierten Städten vor. Einheiten der Separatisten hätten Bewohner wiederholt an der Flucht gehindert und auf fliehende Zivilisten geschossen. Die UN legen den Einheiten außerdem Morde, Folter und Verschleppungen zur Last. Der ukrainischen Armee werfen die UN-Menschenrechtsexperten vor, bei Offensiven auf Separatistenhochburgen auch zivile Ziele beschossen zu haben. Sie kritisieren außerdem Massenfestnahmen angeblicher Kollaborateure der Separatisten.

Seit Beginn der Kämpfe im April starben nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens 2.593 Menschen. Damit habe sich die Zahl der Toten seit Mitte Juli verdoppelt, heißt es in einem Bericht des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte. Die ukrainische Armee sprach von mehr als 800 getöteten Soldaten.