Bereits von der Fähre aus ist das Lied zu hören: "Recep Tayyip Erdoğan" schallt es vom Ufer des Istanbuler Stadtteils Üsküdar. Die Anhänger des türkischen Ministerpräsidenten spielten es schon während der Kommunalwahl im April bei jeder Gelegenheit ab. Wer die AKP wählt, wählt Erdoğan, war damals der Tenor des Wahlkampfs. Diesmal kämpft der türkische Ministerpräsident tatsächlich nur für sich selbst. Am Sonntag  will er sich zum Staatspräsidenten wählen lassen. Die 45 Prozent, die seine AKP bei den Kommunalwahlen erzielte, werden ihm diesmal nicht reichen. Nur wenn Erdoğan die absolute Mehrheit erhält, muss er nicht in eine Stichwahl Ende August. Als Gegenkandidaten treten Ekmeleddin İhsanoğlu und Selahattin Demirtaş an. İhsanoğlu mit Unterstützung der beiden größten Oppositionsparteien –  der rechtsnationalen MHP und der Republikanischen Volkspartei CHP – und Demirtaş für die prokurdische HDP.

Erdoğans Anhänger zweifeln nicht daran, dass er schon im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen wird. Der Stadtteil Üsküdar ist eine Hochburg der AKP und Erdoğans offizieller Wohnsitz. Die Helfer haben einen Tisch vor dem Wahlkampfbus aufgebaut. Frauen sitzen auf einer Holzbank und verteilen Flugblätter, hinter ihnen prangt das Konterfei Erdoğans. Einige Männer in Anzug wuseln hin und her, die Sonne brennt.

Der AKP-Politiker Gürsel Aycibin ist Geschäftsmann und das erste was ihm zum türkischen Ministerpräsidenten einfällt, ist das Wirtschaftswachstum. Denn das, sagt er, hätten die Türken Erdoğan zu verdanken. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich in den elf Regierungsjahren Erdoğans verdreifacht, diese Tatsache sichert ihm die Unterstützung vieler Türken. "Mit Erdoğan als Präsident, werden wir eine starke Rolle in der Welt einnehmen", sagt Aycibin. 

Zum ersten Mal in der Geschichte der Türkei wählt das Volk den Präsidenten direkt. Das Amt ist repräsentativ, aber nicht nur. Erdoğan hat angekündigt, bei einem Wahlsieg alle Kompetenzen auszuschöpfen. Der Präsident darf etwa Kabinettssitzungen leiten, Universitätsrektoren und Richter ernennen und verfügt über ein Vetorecht. Aus der AKP müsste Erdoğan bei einem Wahlsieg austreten. Bis zu den nächsten Parlamentswahlen 2015 würde dann ein anderer AKP-Politiker das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen, wer das sein wird, steht noch nicht fest. Kritiker befürchten, dass dieser nur eine Marionette wäre. Die Befugnisse des Staatspräsidenten würde Erdoğan ohnehin gerne ausweiten und das Land zu einer Präsidialdemokratie umbauen. Dafür bedarf es allerdings einer Verfassungsänderung, die Erdoğan nur mit einer absoluten Mehrheit im Parlament durchsetzen kann. Noch hat die AKP diese nicht.

Der AKP-Politiker Aycibin hat nichts gegen einen starken Präsidenten mit weitreichenden Vollmachten, er wünscht sich ihn sogar: "Der Präsident wird direkt vom Volk gewählt, das gibt ihm Macht und die soll er auch nutzen dürfen", sagt er. Die Korruptionsvorwürfe vom vergangenen Dezember hält er für ein Komplott. Die Versetzung von Polizisten und Richtern, die die Ermittlungen leiteten, für gerechtfertigt. Sein Vertrauen in Erdoğan ist ungebrochen, Kritik hält er für anmaßend. Erdoğan, der aus einfachen Verhältnissen stammt, ist für ihn "ein Mann des Volkes".

Vom einfachen Volk hat sich der türkische Ministerpräsident schon lange entfernt. Als Erdoğan nach dem Bergwerksunglück im Mai die Stadt Soma besuchte, buhten die Arbeiter ihn aus. Sein Berater trat auf einen Demonstranten ein. Dennoch hat Erdoğan bei seinen Anhängern noch immer das Image des volksnahen Anpackers. Das nutzt er für seinen Wahlkampf, in dem Inhalte unwichtiger sind als Polarisierung. Über seinen Gegenkandidaten İhsanoğlu spottet Erdoğan: "Er soll drei Sprachen können. Suchen wir einen Übersetzer oder suchen wir einen Mann, der das Land führen kann?" İhsanoğlu warnt vor einer Diktatur unter Erdoğan und vor Wahlbetrug. Bei der Kommunalwahl Ende April gab es einige Unregelmäßigkeiten. Umfragen sehen Erdoğan zurzeit bei  knapp über 50 Prozent,  İhsanoğlu bei knapp unter 40 Prozent und Demirtaş bei sechs bis acht Prozent.