Mit dem erneuten Raketenbeschuss der Hamas auf die im Süden gelegene israelische Stadt Beer Scheva ist die Feuerpause zwischen Israel und der Hamas gebrochen. Sie sollte ursprünglich bis Dienstagabend um 23 Uhr MESZ andauern. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ordnete Vergeltungsangriffe gegen "Terrorziele" im Gazastreifen an. Laut dem Militärradio wurden zehn Ziele im Gazastreifen getroffen. Nach Angaben der Rettungsdienste wurden mindestens acht Palästinenser verletzt. Augenzeugenberichten zufolge flüchteten Tausende Menschen aus den östlichen Stadtteilen von Gaza-Stadt.


Zudem berief Netanjahu am Nachmittag die israelische Delegation ab, die in Kairo mit den Palästinensern verhandelte. Sie sei angewiesen worden, nach Israel zurückzureisen, berichteten israelische Medien. "Der Kairo-Prozess basierte auf der Voraussetzung einer kompletten Waffenruhe", sagte ein israelischer Beamter. Wenn die Hamas Raketen abschieße, hätten die Gespräche keine Grundlage mehr.

Die USA zeigten sich "sehr beunruhigt" über den Bruch der Waffenruhe und machten die Hamas dafür verantwortlich. "Wir verurteilen die Wiederaufnahme des Raketenbeschusses", erklärte eine Sprecherin des US-Außenministeriums. Israel habe das "Recht, sich gegen diese Angriffe zu verteidigen".

Die Delegationen Israels und der Palästinenser hatten ihre indirekten Verhandlungen in Kairo am Dienstagvormittag zunächst fortgesetzt. Während sie sich über kurzfristige Maßnahmen zur Verbesserung der Lage in dem Küstengebiet einig waren, blieben langfristige Schritte zur Aufhebung der Blockade und zur Entmilitarisierung strittig.

Israel und die Palästinenser hatten sich noch am Montagabend in Kairo auf eine Verlängerung der Waffenruhe um 24 Stunden geeinigt. Ursprünglich war sie auf fünf Tage angesetzt gewesen. Ziel war es, in Kairo eine längerfristige Waffenruhe zu vereinbaren. Izat al-Rischek, ein ranghoher Führer der radikalislamischen Hamas, sagte nach dem Abbruch der Verhandlungen, es werde keine weitere Verlängerung der Feuerpause geben.

Steinmeier bleibt zuversichtlich

Die Hamas wies jede Verantwortung für den neuen Beschuss Israels aus dem Gazastreifen zurück. Vielmehr sei Israel mit seiner Besatzungspolitik schuld an der Eskalation der Gewalt, teilte Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri per E-Mail mit. "Hamas hat keinerlei Information über den Abschuss von Raketen aus Gaza", so Abu Suhri. Allerdings hatte ein Sprecher der radikalen Palästinenserorganisation Hamas kurz zuvor gesagt, falls Netanjahu die Sprache der Politik in Kairo nicht verstünde, wisse man, wie man es ihm verständlich machen könnte. Der israelische Regierungssprecher Mark Regew sagte, der Raketenangriff sei eine schwere und direkte Verletzung der Waffenruhe.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier ist trotz des Endes der Waffenruhe zuversichtlich, dass in dem Konflikt eine politische Lösung möglich ist. "Mein Eindruck ist nach den Gesprächen, die ich geführt habe in Israel und Palästina gleichwohl, dass die Chance nicht vorüber ist, dass man sich erneut auf einen Waffenstillstand einigt", sagte Steinmeier. Er hoffe, dass es in der Zwischenzeit nicht zu lang anhaltenden Kämpfen komme, sondern dass die ägyptischen Vermittlungsbemühungen erfolgreich seien.

Fast 2.000 Palästinenser seit Anfang Juli getötet

Beide Seiten lieferten sich bei den Gesprächen über die Zukunft des Gazastreifens einen harten Verhandlungspoker und sahen die Kairoer Verhandlungen unter ägyptischer Vermittlung als eine Art Nullsummenspiel: Jeder Gewinn des einen bedeutet einen Verlust für den anderen. Im Kern strebt die Hamas möglichst viel Freiheit für den blockierten Küstenstreifen am Mittelmeer an, während Israel die Ein- und Ausfuhr weiter streng kontrollieren will – nicht zuletzt, um eine Wiederbewaffnung der Hamas zu verhindern.

Dem Gaza-Krieg sind seit dem Beginn am 8. Juli mehr als 1.900 Palästinenser zum Opfer gefallen, die meisten davon Zivilisten. Auf  israelischer Seite wurden 67 Menschen getötet, darunter 64 Soldaten. Im teilweise zerstörten Gazastreifen sind mittlerweile Zehntausende Menschen obdachlos. Der Wiederaufbau des Gebietes kann aber erst dann richtig beginnen, wenn der Gaza-Krieg offiziell beendet ist.