Die Verwandten am Telefon weinen. "Bitte, Hilfe! Wir sterben!" Der Berg ist staubtrocken, sie brauchen Wasser. Die Erwachsenen könnten noch ein wenig aushalten. Die Kinder nicht, eins nach dem anderen verdurste.    

Seit Tagen sitzt die Familie von Jihan Saeed auf dem Berg Sinjar im Nordirak fest. Ihre Verwandten sind vor den Kämpfern der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) geflohen. Saeed ist Jesidin, sie lebt als Ärztin in Berlin-Schöneberg. Mit ihrer Familie telefoniert sie so oft es geht. "Wir haben Strom für die Handys, aber kein Wasser für die Kinder", berichten ihr die Verwandten.  

Hunderte Mädchen und Frauen sind verschwunden. "Wir haben gesehen, wie die IS-Terroristen unsere Töchter auf Pickups geladen haben", sagen die Verwandten. Die Frauen werden nie mehr zurückkommen, da ist sich Saeed sicher. Die IS-Kämpfer verkauften sie als Sexsklavinnen. Saeed ist bleich. Sie weiß nicht, wie lange die Handy-Akkus und die Körper ihrer Verwandten noch durchhalten.

Der Berg Sinjar ist für Jesiden ein heiliger Ort. Tausende sind dorthin geflohen, eingekesselt von der IS-Miliz und abgeschnitten von der Außenwelt. IS-Kämpfer haben die Heiligtümer der Jesiden zerstört und junge Männer geköpft. Saeed sagt nicht "geköpft", sie sagt nur "Kopf" und hält die flache Hand an den Hals.

IS-Kämpfer sind nicht unbesiegbar

Saeed und ihr Mann Djengizkhan Hasso sitzen auf dem schwarzen Ledersofa in ihrer Schöneberger Wohnung und versorgen die Verwandten im Irak mit den neuesten Nachrichten. Noch ein bisschen durchhalten, sagen sie ihnen, bald komme Hilfe. Die Menschen in Sinjar glauben nicht daran, sagt Saeed. Widersprüchliche Informationen überspülten die sozialen Netzwerke. "Wir können uns auf nichts verlassen, was wir sehen. Alle Bilder können via Photoshop manipuliert sein, manche IS-Kämpfer verkleiden sich als Peschmergas, also kurdische Kämpfer", sagen die Verwandten.

Hasso ist syrischer Kurde, er arbeitet in Berlin als Psychologe und Dolmetscher. Er ist wütend auf die Medien. Sie stellten die IS-Terroristen als unbesiegbare Orks dar, als jene nichtmenschliche Wesen aus Der Herr der Ringe, die weder Angst vor dem Tod noch den Tod selbst kennen. Dabei seien sie nur solange stark, wie sie in der Gruppe kämpften und keinen Widerstand erfahren, sagt er. Über das Telefon erkundigt sich Hasso nach dem psychischen Zustand der kurdischen Kämpfer im Nordirak. Die Bewaffneten fühlten sich stark, sie seien motiviert und berichteten von IS-Gefangenen.

Die Schwester ist Parlamentarierin

Im Verhältnis zu gestern ist die Stimmung heute euphorisch. "Bevor die USA ihre Hilfe zugesichert haben, sind die Menschen komplett durchgedreht", sagt Hasso. "Das war eine Depression, es war schrecklich."

Saeeds Schwester, Vian Dakhil, ist Abgeordnete im irakischen Parlament. Über Whatsapp und Facebook halten sie Kontakt. Vor drei Tagen erschien ein Video auf Youtube, in dem Dakhil die Politiker anfleht, die Jesiden in Sinjar zu retten. "IS-Kämpfer schlachten mein Volk ab, sie brauchen humanitäre Unterstützung", schrie sie. Die meisten Abgeordneten blickten peinlich berührt geradeaus. Am Ende des Videos brach Vian Dakhil zusammen.

Die Menschen in Bagdad teilen sich auf in Sunniten, die sich von der Regierung benachteiligt fühlen und die IS-Truppen gewähren lassen, in Schiiten, die mit Waffen versorgt sind - und in die Jesiden, die Angst haben.

Sicherheit in Deutschland

Die Jesiden werden seit Jahrhunderten verfolgt. Hasso kam vor mehr als dreißig Jahren als politischer Flüchtling nach Deutschland. Er fühlt sich in Deutschland sicher vor IS-Sympathisanten. Seine ältere Tochter heißt Hêvi, Hoffnung. Sie hat eine Klasse übersprungen und besucht das Französische Gymnasium in Berlin. Sie sitzt im Wohnzimmer neben ihren Eltern auf der Couch, während die den Verwandten von geplanten Demonstrationen erzählen und von Pressemitteilungen der US-Regierung.

Neben Saeed liegen drei Flugtickets. Sie wollte in drei Wochen mit Hêvi und der kleinen Tochter Arîn den anderen Teil ihrer Familie in Erbil besuchen. "Ich habe ja gerade jetzt Sommerferien", sagt Hêvi. Erbil ist die Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan im Irak. Die Stadt ist in Alarmbereitschaft, auch hier weinen die Verwandten am Telefon. Hêvi wird den Rest der Sommerferien in Berlin verbringen und beten, dass ihre Familie überlebt.