Sie sind der Feind. Der Feind aller, die anders sind. Sie sind der Feind derer, die nicht an den Koran glauben, der Feind de­rer, die an ihn glauben, aber ihn anders interpretieren als sie selbst. Sie sind der Feind liberaler Demokratien und korrupter arabischer Militärdiktaturen. Sie haben einen Herrschaftsanspruch, der an keiner Grenze halt macht. Die Kämpfer des Islamischen Staats (IS), vor zwei Jahren noch eine kleine Terrorgruppe, sind in den vergangenen Monaten zu einer der mächtigsten Kräfte im Nahen Osten aufgestiegen. Als ihr Anführer Abu Bakr al-Baghdadi am 29. Juni auf der Kanzel der Hauptmoschee von Mossul das Kalifat ausrief, einen neuen Staat, der Irak und Syrien vereint, war das keine reine Propagandaaktion. Es war die feierliche, öffentliche Bestätigung von etwas, das schon längst Realität geworden war. Der Staat der Gotteskrieger.

Er hat sich in den Atlas der Welt eingebrannt. Das Kalifat umfasst den Osten Syriens und den Westen des Iraks, eine Fläche größer als die von Großbritannien. Sechs Millionen Menschen sind ihm binnen weniger Monate untertan geworden, mehr als Finnland oder Dänemark Einwohner hat. Die Wüstengrenze zwischen dem Irak und Syrien, die von den Kolonialmächten nach dem Ersten Weltkrieg in großer Dummheit gezogen wurde, hat der Islamische Staat schlichtweg wegradiert. Die wichtigsten Städte der Region liegen jetzt in seinem Herrschaftsbereich, die zweitgrößte Stadt des Irak, Mossul, dazu Falludscha, Ramada, Tikrit, die Industriestadt Raqqa in Syrien, seine unerklärte Hauptstadt.

Wir im Westen begreifen noch nicht so ganz, was da im Zweistromland passiert ist. Wir begreifen nicht, dass der 29. Juni 2014 das Potenzial hat, den 11. September 2001 in seiner Bedeutung weit zu übersteigen. Ganz sind wir auf den Gaza-Konflikt fokussiert, der fürchterlich ist, aber letztlich ein lokal sehr begrenzter Krieg. Noch hoffen die Politiker im Westen, dass der Islamistenstaat schnell wieder verschwinden wird. Wird er wahrscheinlich nicht. Sie hoffen, dass der Islamische Staat schwächer wird – alle Anzeichen deuten darauf hin, dass bisher nur seine Gegner schwächer werden. Fast täglich vergrößert das Kalifat sein Territorium.

IS eilt von Sieg zu Sieg

In Syrien eilt IS gegenwärtig von Sieg zu Sieg, und jeder Sieg macht die Terroristen militärisch stärker. Mit dem Regime von Baschar al-Assad unterhielt die Terrorgruppe lange eine Art Nichtangriffspakt. Selten bombardierte Assad die Stützpunkte der IS, und selten griff die IS die Truppen des Regimes an – bis Ende Juni. Wenige Tage bevor Al-Bagdhadi im Irak die Kanzel bestieg, eroberten seine Kämpfer in Syrien die riesige Division 17 bei Raqqa, eine der größten Militärbastionen, die Assad im Osten noch geblieben war.

Sie nahmen in der Folge eine Regimehochburg nach der anderen ein, erbeuteten an die hundert Panzer und Dutzende große Raketenwerferbatterien. Das Assad-Regime erleidet derzeit seine schwersten Verluste seit Beginn des Krieges mit bis zu 1.200 toten Soldaten an manchen Tagen. Bei der Stürmung der Brigade 93 vor einigen Tagen setzten die IS-Kämpfer das kurz zuvor erbeutete Material ein und erlangten etwas, was Rebellen in diesem dreijährigen Bürgerkrieg bisher noch nie besaßen: eine größere Feuerkraft als das Regime.

Im Irak hat sich die Regierungsarmee unter den Angriffen der IS nahezu aufgelöst. 800 Gotteskrieger schlugen in Mossul angeblich 35.000 Soldaten in die Flucht. Sie wollten nicht sterben für eine Sache, die nicht die ihre ist. Die Regierung Al-Maliki hat das Land nicht versöhnt, sondern noch weiter entzweit. Alle wichtigen Regierungsfunktionen gab der irakische Premierminister in schiitische Hand. Die meisten Gelder flossen in schiitische Taschen. Sie, die unter Saddam Hussein verfolgt und unterdrückt wurden, unterdrückten nun ihrerseits. Mit Mühe verteidigt die irakische Regierung jetzt Bagdad, nur mithilfe reaktivierter schiitischer Milizen und iranischer Unterstützung hält er Kerbala und Najaf.

Die roten Khmer der Islamisten

Nie in der jüngeren Geschichte war eine Terrororganisation reicher, nie war sie militärisch mächtiger. In Erwartung einer IS-Invasion hat Saudi-Arabien zusätzliche 30.000 Soldaten an die Grenze beordert und Pakistan und Ägypten um Truppenentsendungen gebeten.

IS ist in ihrer Rigorosität für die Islamisten das, was die Roten Khmer einst für die Kommunisten waren. Sie exekutieren im Irak Tausende. Die Farbbilder ihrer Massenerschießungen ähneln den Schwarzweiß-Aufnahmen, die Wehrmachtsmitglieder von den Juden-Erschießungen in Osteuropa machten. Leichen über Leichen über Leichen über Leichen. Das große Morden zwischen Sunniten und Schiiten, das in den Jahren 2006 und 2007 Hunderttausende Menschen das Leben kostete, droht wieder aufzuflammen.