Beispiellos brutal, bestens ausgestattet, üppig finanziert: Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) hat sich im Irak und in Syrien festgesetzt. Wie konnten die Dschihadisten zu so einer Gefahr werden?

Woher kommt der Islamische Staat?

Auch wenn die Ursprünge des Islamischen Staats auf die offizielle Irak-Filiale von Al-Kaida zurückgehen und es ideologisch noch immer eine große Nähe gibt: Mit dem Terrornetzwerk unter den Nachfolgern von Osama bin Laden hat IS sich zerworfen. Frühere irakische Al-Kaida-Mitglieder machten zu Beginn den Großteil der neuen Gruppe aus, die nach dem Tod ihres Anführers Abu Mussab al-Sarkawi durch einen US-Angriff im Irak zunächst an Bedeutung verlor. In Syrien formierten sie sich neu und kamen nach und nach ihrem erklärten Ziel eines eigenen Staats näher, weil der alte zerfiel: Inzwischen kontrollieren IS-Milizen rund ein Drittel des Landes, vor allem im Norden und Osten.

Derart stark konnten die Extremisten auch werden, weil Diktator Baschar al-Assad zu einer perfiden Strategie griff: In Syrien inhaftierte Terroristen und Kriminelle, darunter viele IS-Kämpfer, ließ er massenhaft frei, von Angriffen der syrischen Armee blieben sie verschont – nur so konnten sie oppositionellen Verbänden eine Stadt nach der anderen abnehmen; Assads Gegner wurden zwischen zwei Fronten aufgerieben.

Im Nordirak wurden die Islamisten von den sunnitischen Stämmen geduldet, die den schiitischen Präsidenten Nuri al-Maliki schon lange als Feind sehen, spätestens seit er die Sunniten radikal aus allen Machtpositionen verdrängt und systematisch unterdrückt hat. Die USA legten dafür die Grundlage, als sie mit der Invasion 2003 erst den alten irakischen Staat zerstörten und mit dem Totalabzug 2011 dann jeden Einfluss und alles Erreichte aufgaben.

Woher haben die Terroristen das Geld?

Aus Katar, Saudi-Arabien, Kuwait und den Golf-Emiraten kommen großzügige Spenden wohlhabender Privatleute und Stiftungen. Die sunnitischen Herrscher dulden dies, auch wenn sie die Dschihadisten in den eigenen Ländern bekämpfen, denn die radikalen Gotteskrieger sind nützlich im Kampf gegen den schiitischen Einfluss in der Region.

Solche Sponsoren sind aber längst nicht die einzige Einnahmequelle des Islamischen Staats. Im Zuge ihrer Eroberungen im Irak – wie schon zuvor in Syrien – haben die Dschihadisten nicht nur ganze Depots voll moderner Waffen und gepanzerter Fahrzeuge erbeutet. Ihre Offensive war auch ein Raubzug. An dem angeblichen Überfall auf eine Filiale der Zentralbank in Mossul mit einer Beute von mehr als 400 Millionen Dollar gibt es große Zweifel, doch Plünderungen sind an der Tagesordnung. Dazu kommt das gesamte Spektrum krimineller Aktivitäten von Schutzgelderpressung über Kidnapping bis zum wirklich einträglichen illegalen Verkauf der Erträge aus den Ölfeldern, die IS mittlerweile in Syrien und im Irak unter Kontrolle gebracht hat. Die Extremisten verkaufen das Öl an Mittelsmänner, die hauptsächlich Richtung Türkei und Iran weitervermitteln; es geht um Millionenbeträge.

Warum duldet die Bevölkerung den IS?

Kaum vorstellbar, dass es in der Bevölkerung Sympathien für die IS-Extremisten gibt, angesichts des Schreckensregimes, das sie in den Gebieten unter ihrer Kontrolle errichten. Islamische Rechtsprechung in äußerst radikaler Form, die Grenzen zu willkürlichen Hinrichtungen und grausigen Exempeln verwischen – solcher Terror ist viel mehr als religiöser Fanatismus, er ist ein Mittel der Macht. Zugleich bedienen sich die Islamisten aber weicherer Methoden, um ihre Herrschaft zu stützen: Verteilung von Lebensmitteln, medizinische Versorgung, Kinderbetreuung.