Der Siegeszug des "Islamischen Staates (IS)" schockiert den Orient. Barbaren wüten im Herzen des Fruchtbaren Halbmonds. Hier wurde das Alphabet erfunden, hier wurden die ersten Gedichte geschrieben, hier liegen die ältesten kulturellen und politischen Wurzeln der Menschheit. In dieser Wiege der Zivilisation terrorisieren nun blutrünstige Krieger Muslime, Christen und Jesiden, sie kreuzigen und enthaupten im Namen des Islam, vertreiben Minderheiten aus ihren seit Jahrhunderten angestammten Siedlungsgebieten, zerstören islamische Heiligtümer, zünden Kirchen und Bibliotheken an, drohen den Schiiten offen die Vernichtung an.

Diese archaische Barbarei, der die jahrhundertealte polyglotte Textur des Nahen und Mittleren Ostens unwiederbringlich zerstören könnte, hat eine breite und selbstkritische Debatte ausgelöst unter Kommentatoren und Gelehrten, Politikern und einfachen Bürgern der Region.

"Was der IS tut, verkörpert genau das, was wir in der Schule gelernt haben", twitterte ironisch der saudische Intellektuelle Ibrahim Al-Shaalan. "Wenn unsere Curricula gut sind, dann handelt der IS richtig. Wenn das aber alles falsch ist, wer trägt dann die Verantwortung?" 

Es sei höchste Zeit, "dass wir uns fragen, was schiefgelaufen ist", sagt der prominente Publizist Jamal Khashoggi, dessen Stimme am gesamten Golf Einfluss hat. Die Invasoren seien "wütende Junge mit verzerrter Mentalität und Weltsicht". Sie trampelten auf dem Erbe von Jahrhunderten genauso herum wie auf den Errungenschaften der Moderne. Alle ihre Überzeugungen von Politik, Leben, Gesellschaft und Wirtschaft passten auf zwei, drei DIN-A4-Seiten.   

Tyrannei mit Stabilität verwechselt

Khashoggi weiter: "Alle, die von einer ausländischen Verschwörung faseln, verdrängen die Wahrheit und schließen die Augen vor unseren eigenen Fehlern." Man habe Tyrannei mit Stabilität verwechselt, man habe soziale Verelendung in den Völkern ignoriert, das religiöse Leben sei passiv und inaktiv, Religion diene vor allem der Legitimierung von Macht. Doch niemand wolle eigene Fehler zugeben. Und so ist "das Einzige, was sich noch dynamisch vorwärts bewegt, die Flut des Extremismus".

Eine andere Perspektive steuert Mohammed Habash bei, syrischer Islamgelehrter und ehemaliges Mitglied des Parlaments in Damaskus. Der Extremismus sei entstanden aus einer brisanten Mixtur, argumentiert er, zum einen aus der "systematischen Unterdrückung durch tyrannische Regime" und zum anderen aus einem "verzweifelten religiösen Diskurs". 

Viele Prediger, auch er selbst, hätten ihren Zuhörern immer wieder eine gerechte Welt verheißen in Gestalt eines "Islamischen Kalifats", nicht definiert als fehlbares politisches System, sondern als sakrosanktes Symbol der Einheit, dem alles andere untergeordnet werden muss. "Das Reden vom Kalifat war immer eine Ausflucht, um unser Versagen, unsere Niederlagen und Verluste zu rechtfertigen und unsere Unfähigkeit, mit der übrigen Welt mitzuhalten."

Flucht in den Sarkasmus

Ähnlich argumentiert der libanesische Publizist Rami G. Khouri. Er habe keinen Zweifel, dass die wichtigste Ursache für Geburt und Wachstum der IS-Gedankenwelt "der Fluch der modernen arabischen Sicherheitsstaaten seit den siebziger Jahren ist, die ihre Bürger wie Kinder behandeln und sie vor allem Gehorsam und Passivität lehren". Die eigentliche moderne Tragödie für ihn ist "die korrupte und amateurhafte Staatlichkeit" quer durch die arabische Welt.

In den sozialen Medien dagegen konzentriert sich die Kritik vor allem an den defensiven Reaktionen der etablierten islamischen Welt. Die Muslimbrüder Syriens bezeichneten den Anspruch des selbsternannten Kalifen Abu Bakr Al-Baghadi lediglich als "ungültig". Der geistige Mentor der Muslimbruderschaft in Qatar, Scheich Yusuf Al-Qaradawi, erklärte das "Islamische Kalifat" als nicht mit der Scharia vereinbar, ohne näher zu erläutern, was er damit meint. Der Obermufti von Ägypten, Shawki Allam, warf den Radikalen vor, sie verletzten alle Prinzipien und Vorschriften des Islam. 

Die moderaten Muslime weltweit müssen sehr viel mehr tun, fordert der pakistanische Publizist und Blogger Asif Zaidi. "Das Schweigen oder die Duldung der sogenannten Gemäßigten verstärkt den Eindruck, dass die Muslime eine Gruppe sind, die ihre extremen Ränder nicht kontrollieren wollen oder können."

Überall Sympathie für den IS

Der bekannte schiitische Publizist und langjährige Bürgermeister von Qatif, Jafar Alshayeb, geht noch weiter: Er bescheinigt seiner Gesellschaft praktisch auf allen Ebenen Sympathie für den IS, ein Befund, der offenbar auch die saudische Führung beunruhigt. "Ich bin erstaunt über das Ausmaß an Zustimmung, das der Isis in lokalen Zirkeln genießt, besonders unter jungen Leuten, teilweise auch unter Intellektuellen und Gelehrten", heißt es in seinem Editorial für die Zeitung Al-Sharq mit dem Titel Isis unter uns. In Saudi-Arabien gebe es "viele Bürger, die die gleiche Orientierung und die gleichen Ideen haben wie diese Leute, und die Terrorakte gegen politische Regime und soziale Gruppen gutheißen". 

Eine erste, natürlich nicht repräsentative Umfrage in sozialen Medien ergab tatsächlich, dass eine erhebliche Zahl von Bürgern der Ansicht ist, der Isis liege auf einer Linie mit den Werten des Islam und der Scharia. Durch dieses Meinungsklima alarmiert will die saudische Führung demnächst die Haltung seiner Untertanen zum "Islamischen Kalifat" genauer erheben lassen. Die letzte derartige Umfrage war im Jahre 2009. Damals erklärten 20 Prozent der Saudis, sie sähen Al-Kaida "in gewisser Weise positiv" oder "eindeutig positiv".

Angesichts dessen sieht der kuwaitische Kolumnist Ahmad Al-Sarraf für sich nur noch die Flucht in bitteren Sarkasmus: Er fordere die Christen auf, die Region sofort zu verlassen, damit sich die Muslime endlich gegenseitig abschlachten könnten, schrieb er in der Zeitung Al-Qabas. "Haut ab, wir hassen euch, wir wollen euch nicht mehr unter uns. Wir haben das alles satt – Fortschritt, Zivilisation, Offenheit, Toleranz, Liebe, Brüderlichkeit, friedliches Zusammenleben und Nachsicht. Haut endlich ab."