Ein palästinensischer Junge in Gaza-Stadt © MOHAMMED ABED/AFP/Getty Images

In diesen Tagen ist es nicht einfach, sich als politisch gemäßigte Israelin zu outen. Als ich etwa meine Meinung über den Gaza-Krieg in den Zeitungen publizierte und den sozialen Netzwerken postete, erhielt ich von rechter und linker Seite, also von Pro-Israelis und Pro-Palästinensern, dermaßen viele Hassbotschaften, dass mich das schon sehr verblüffte.

Seit mehr als zehn Jahren rede und schreibe ich über den europäisch-israelischen Dialog, oft im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Ich kann inzwischen ziemlich genau den Unterschied erkennen zwischen einer Kritik an der israelischen Politik (die ich öfter teile), der Sympathie für all unschuldigen Opfer, (die ich entschieden teile) und jenem ignoranten, verallgemeinernden "Anti-Israelismus", der schnell in einen ausgewachsenen Antisemitismus kippt.

Der gegenwärtige Krieg in Gaza ließ wieder einmal den bösen Geist aus der Flasche. Friedensliebende Israelis (und von uns gibt es eine Menge) sind zwischen Skylla und Charybdis gefangen. Auf meinen Twitter- und Facebook-Accounts zeigte sich der böse Geist des Antisemitismus ziemlich entfesselt. Dort regierte unter den Kommentatoren der Hass, als ich meinen Schmerz über die vielen Opfer des Gaza-Krieges, und besonders für die Kinder unter ihnen, zum Ausdruck brachte. Mein Schmerz kannte keine Entschuldigungen. Er war nicht ausgewogen. Viele Nutzer leiteten daraus eine grundsätzliche Parteinahme ab. Andere, Europäer wie Araber, schrieben, die Juden würden an den Palästinensern einen Völkermord begehen.

Juden, wohlgemerkt! Nicht Israelis. Die Millionen Juden außerhalb Israels sind jedoch genauso wenig verantwortlich für diesen Konflikt wie die Zivilbevölkerung in Gaza. Dennoch werden sie angeklagt, bedroht und körperlich angegriffen, weil sie Juden sind. Ihre Schuld beruht angeblich auf ihrer Zugehörigkeit zu ihrem Volk. Jeder Amerikaner oder Syrer dagegen kann trotz der vielen toten Zivilisten durch die U.S. Army oder durch Assads Truppen sicher durch die Straßen von Paris, Rom oder Berlin laufen. Ein Jude aber kann nicht einmal unbehelligt eine Kippa tragen. Wenn das kein Antisemitismus ist, was ist es dann?

Genozid nennen die selbst ernannten Israel-Kritiker das. Und nicht etwa einen schmutzigen Krieg oder einen ausweglosen Schlagabtausch zwischen einer regulären Armee, die ihre Zivilbevölkerung schützen muss, und Terrorkämpfern, die mit Raketen auf völlig hilflose Menschen schießen. Damit kein Missverständnis entsteht: Die israelische Armee hat sicher übertriebene Härte an den Tag gelegt, als sie beim Angriff auf Hamas-Kämpfer und Raketenstellungen mehrere hundert Unschuldige tötete. Aber die Hamas platziert ihre Abschussrampen auch bewusst mitten unter ihrer Zivilbevölkerung. Diese unglücklichen Menschen in Gaza haben keine Luftschutzkeller, weil die dafür bestimmten Hilfsgelder abgezweigt wurden. Das Baumaterial für die Bunker wurde etwa lieber zur Stabilisierung der vielen Angriffstunnel der Hamas verwendet. Oft werden die Menschen zudem von der Hamas zum Bleiben gezwungen, nachdem sie von der israelischen Armee gewarnt wurden, sich in Sicherheit zu bringen.

Das sind Tatsachen. Und fürwahr, es ist kein sauberer Krieg auf beiden Seiten. Selbst Kriege wie dieser, für den es aus israelischer Sicht gute Gründe gibt, ihn zu führen, können zu einem schmutzigen Krieg ausarten. Das Recht auf Krieg schließt eben nicht das Recht im Krieg mit ein. Aber ist das Völkermord? Nein!

Der jüdische Genozid ist in den Hasspredigten bestimmter Araber und Europäer ein immer wieder vorkommender Topos. Sie wollen damit den Holocaust leugnen, von dem einige bereits denken, er sei eine Erfindung, die als Alibi für die Aggression Israels in der Region dienen soll. So würde ich gerne glauben, dass wenigstens in Deutschland kein Deutscher den Holocaust herunterspielen oder negieren möchte. Aber ich weiß, dass manche Deutsche genau dies beabsichtigen.

Ich frage mich außerdem, ob es möglich wäre, sich in Gaza für unschuldige Israelis starkzumachen. Oder ob es ungestraft bliebe, wenn dort jemand seine Trauer äußern würde über die Dutzende israelischer Kinder, die von palästinensischen Selbstmordattentätern in den letzten zehn Jahren ermordet wurden. Wohl kaum. Jegliche Opposition gegen den Krieg der Hamas mit den Israelis oder allein schon die Frage, ob dieser Krieg weise ist oder in eine Katastrophe mündet, wird dort als Verrat bestraft. Die Hamas bringt ihre eigene Bevölkerung durch Exekutionen zum Schweigen.

Gemäßigt zu sein, sagte Aristoteles, bedeutet noch nicht, sich exakt in der Mitte zu bewegen. Die Wirklichkeit kennt keine Symmetrie. Die Hamas ist schlimmer als jede Regierung, die Israel jemals hatte. Die Kämpfer von Hamas und Al-Kassam sind weitaus brutaler als die israelische Armee. Die Terroristen verstecken ihre Kämpfer hinter Kindern und bunkern ihre Waffenarsenale in Schulen und Krankenhäusern, sogar in Einrichtungen der Uno. Sie werfen Journalisten aus dem Land oder bedrohen sie, wenn sie es wagen, darüber zu berichten. Sie richten ihre Raketen gezielt auf israelische Kindergärten und Kliniken. Wenn sie eine Luftwaffe besäßen wie die Israelis und deren Artillerie-Stärke, würde das Massaker, das sie anrichteten, bei Weitem das in den Schatten stellen, was wir gerade in Gaza erleben.

Die technische Schwäche der Hamas steht im Missverhältnis zum Leiden ihrer Bevölkerung

Dass ich eine solche Wahrheit ausspreche, wird von manchen Kommentatoren als israelische Propaganda abgetan. Aber wenn dem so wäre, ich würde eine lausige Propagandistin abgeben. Als kritisches Mitglied der Zivilgesellschaft akzeptiere ich nicht einfach so Presseverlautbarungen meiner Regierung oder der Armee. Aber Wahrheit bleibt Wahrheit, aus welcher Quelle auch immer.

Dass die Hamas glücklicherweise so schwach ist, steht in einem Missverhältnis zum Leiden ihrer Bevölkerung. Gaza ist ein Katastrophengebiet. Und Israel trägt dafür teilweise die Verantwortung. Das auszusprechen mit dem wesentlichen Hinweis, dass die Hamas die weit größere Schuld trägt, ist die Wahrheit. Unabhängig von allen Dementis auf welcher Seite auch immer. Wenn die Hamas und die Hisbollah das technische Know-how und die Feuerkraft des heutigen Israels hätten, könnte ich diese Zeilen nicht mehr schreiben. Ich wäre tot. Einige sogenannte "Pro-Palästinenser" würde das sicher nicht weiter stören.

Um eines klarzumachen: Ich wünsche Gaza Frieden, Freiheit und Wohlstand. Und ich bin gegen die Hamas. Sie soll zur Hölle fahren. In zwei ihrer erklärten Missionen haben Israel und die Hamas völlig versagt: Hamas scheiterte am Versuch, israelische Kinder zu ermorden, während es Israel nicht gelang, im Gazastreifen keine Kinder zu töten. Das ist ein Aspekt dieses asymmetrischen Krieges. Doch was ist mit all den eingesperrten Bewohnern von Gaza auf ihrem trostlosen, überfüllten, zertrümmerten Streifen Land? Vor ein paar Jahren entwickelte ich in einer deutschen Zeitung die Metapher vom Nachbarn, der von seinem Balkon aus in ein Kinderzimmer schießt und dabei sein eigenes Kind auf dem Schoß hat. Würde man das Feuer auf ihn erwidern? Ja! Das würde jeder. Mein Vater Amos Oz borgte sich die Metapher übrigens unlängst bei mir aus, als er in den Medien die jetzige Gewaltspirale beschrieb. In unserer Familie sind solche Leihgaben erlaubt.

Mein eigener Artikel wurde im Internet falsch zitiert und von Israel-Bashern heftig angegriffen. Wie kann ich nur die Menschen in Gaza als Nachbarn bezeichnen, wo sie doch in Wirklichkeit israelische Gefangene sind? Und wie es immer so ist: Die Hasspost ignorierte den Rest des Artikels, in dem deutlich stand, dass diese "Nachbarschafts"-Situation alles andere als gleichrangig ist. Falsches Lesen und Entstellungen sind in diesen Tagen ohnehin integraler Bestandteil des Antiisraelismus und des Antisemitismus. Historische Fakten werden bequemerweise ausgeblendet. Zwischentöne sind nicht Teil des Spiels. Dabei sind in der Geschichtsforschung gerade die Zwischentöne entscheidend. Der Gaza-Streifen hat 1.800.000 Bewohner, einschließlich der Flüchtlinge aus dem 1948er-Krieg und deren Nachfahren. Den Krieg haben damals die Araber angefangen, die die Uno-Resolution nicht akzeptieren wollten, welche das Land in einen israelischen und einen palästinensischen Staat teilte. Israel siegte. Die Palästinenser flohen, manche wurden auch vertrieben. Über lange Jahre regierte Ägypten Gaza und erlaubte den Flüchtlingen nicht, das Land zu verlassen oder sich eine neue Existenz aufzubauen. Seit 1967 teilen sich Israel und Ägypten die Verantwortung für diese unerträgliche Situation. Aber Israel zog sich 2006 aus Gaza zurück. Danach konnte es erst einmal nur zusehen, wie die Hamas die Macht ergriff und den südlichen Teil Israels unter Raketenbeschuss nahm.

Warum wurde danach nicht mehr über den Frieden verhandelt? Weil die Hamas Israel gerne zerstören und alle Juden töten möchte. Das steht explizit in ihrer Gründungsurkunde. Aber zur Wahrheit gehört auch: Weil die israelischen Regierungen und die Öffentlichkeit immer militanter wurden und die Hoffnung aufgaben, selbst mit dem relativ gemäßigten Mahmud Abbas über die Westbank noch eine Einigung zu erzielen.

Die heutigen Antisemiten, die sich als "Anti-Israelis" ausgeben, wollen von Historie nichts wissen. Warum nervt sie die Geschichte denn so sehr? Sie wollen, dass der Holocaust aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet, die Juden sollen schuldig sein und schuldig bleiben. Das ist ein neuere Variante des Antisemitismus, der Israel zu einem mächtigen böswilligen Mega-Juden aufbauscht und unter Beschuss nimmt. Aber es ist zugleich der ewige, zeitlose, alte Antisemitismus. Er spielt sich jenseits jeglichen Geschichtsdenkens ab und speist sich viel mehr aus psychologischen Ressentiments als aus Fakten.

In dieser Geschichte spielt die Religion, fürchte ich, oftmals eine irrationale Rolle. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist niemals einer zwischen Judaismus und Islam gewesen. Es ging vielmehr um Land und Gebietshoheit. Fanatische Islamisten haben heute die palästinensischen Belange in Beschlag genommen, während extremistische orthodoxe Juden darauf bestehen, jeden Winkel des biblischen Israels zu besiedeln. Sie schert keine Vereinbarung. Radikale Christen mischen zusätzlich in diesem Konflikt mit, indem sie der einen oder anderen Seite uneingeschränkte materielle Unterstützung leisten.

Deswegen brauchen solch gemäßigte Atheisten wie ich jede nur denkbare Unterstützung, die wir von moderaten Muslimen, Christen und wachsamen Juden bekommen können. Die Frontlinie in diesem Krieg verläuft weder zwischen den drei Religionen noch zwischen den Gläubigen und Nichtgläubigen. Sie verläuft, und jetzt kommt der Moment, wo ich mich eines Ausdrucks meines Vaters bediene, zwischen den Fanatikern und den Nicht-Radikalen.

Warum stört es so, wenn eine Stimme laut wird, die die Tragödie beider Seiten (einschließlich der unvergleichlichen Tragik in Gazas Trümmern) genauer in den Blick nimmt und historische Fakten, relevante Wahrheiten, politische Zusammenhänge und Zwischentöne berücksichtigt? Ich glaube nicht, dass die meisten Europäer, genauso wenig wie die meisten Araber, mit Lügen und Hass gefüttert werden wollen. Als Kind der Aufklärung und als politische Liberale hoffe ich darauf, dass der rationale Dialog, vereint mit menschlichem Mitempfinden, gewinnen wird. Weil ich als eine jüdische Humanistin und Zionistin immer noch an die Zweistaatenlösung glaube, wünsche ich mir, dass diese Hoffnung siegt. Doch sie kann nur siegen, wenn wir nachhelfen.

Übersetzung: Andreas Öhler