Khalil Shikaki, palästinensischer Politikwissenschaftler, auf der Terrasse seines Instituts in Ramallah © Jonas Opperskalski/laif

ZEIT ONLINE: Man hört seit Beginn der Konfrontation zwischen Israel und der Hamas wenig Stimmen aus dem Westjordanland. Wie blickt man von Ramallah auf diesen Krieg?

Khalil Shikaki: Die Führung hier ist weitgehend unglücklich darüber, wie sich die Dinge entwickelt haben. Denn immer, wenn es bisher zu einer israelisch-palästinensischen Konfrontation kam, in die die Hamas involviert war, hatte das schlimme Auswirkungen auf die Autonomiebehörde. Präsident Mahmud Abbas versucht jetzt, den Schaden an seiner eigenen Autorität zu begrenzen, der mit ziemlicher Sicherheit auch diesmal wieder entstehen wird.

ZEIT ONLINE: Die Hamas war zuvor ja eher schwach und isoliert. Hat sie die Konfrontation gezielt gesucht, um wieder jemand zu sein?

Shikaki: Das ist eine Möglichkeit. Zweifellos hatte die Hamas vor der Entführung der drei israelischen Jugendlichen Bereitschaft gezeigt, Forderungen von Abbas und seiner Fatah-Partei zu akzeptieren…

ZEIT ONLINE: …und einer Einheitsregierung zuzustimmen.

Shikaki: Ja, und man hatte den Eindruck, dass dies aus Schwäche geschah. Seit Monaten war sie nicht mehr in der Lage gewesen, Gehälter auszubezahlen, sie hatte auch ihren engsten Verbündeten in der Region, die Muslimbrüder in Ägypten, verloren. Der beste Weg für sie schien, sich in die Palästinenserbehörde zu integrieren. Es gab aber auch eine Kluft zwischen ihrer schwierigen politischen und finanziellen Lage und ihren militärischen Fähigkeiten. Letztere waren exzellent. Der militärische Flügel der Hamas verwies auch gern auf seine Erfolge – wie etwa der Gefangenenaustausch im Zuge der Gilad-Shalit-Affäre. Er fand es jedenfalls an der Zeit, seinen größten Triumph auszuspielen, also mit seinen völlig unbeeinträchtigten Fähigkeiten den Israelis Schmerz und Leid zuzufügen.

ZEIT ONLINE: Stärkt denn ein solcher Krieg, der ja vor allem viele palästinensische Opfer fordert, wirklich die Hamas?     

Shikaki: Ja, zumindest kurzfristig. Noch von jeder Konfrontation mit Israel hat die Hamas innenpolitisch profitiert, ganz unabhängig davon, wie die Sache ausging. In den meisten Fällen aber hat ein solcher Krieg der Hamas auch etwas gebracht, einschließlich beim letzten Mal 2012. Da wurden Sanktionen und das Embargo gegen Gaza gelockert, Fischer durften wieder weiter ins Meer hinaus. Das war auch ein Erfolg für die Hamas. Und nach unseren Umfragen hätte der Hamas-Kandidat Ismail Haniyeh nach der letzten Konfrontation 2012 den Fatah-Kandidaten Mahmud Abbas bei einer Wahl eindeutig geschlagen – im Westjordanland und im Gazastreifen.

ZEIT ONLINE: Und längerfristig?

Shikaki: Die Popularität währte bisher immer nur vorübergehend. Sechs Monate lang, dann ging sie wieder herunter. Denn was zunächst wie eine Errungenschaft aussieht, geht nach einer Weile wieder verloren – etwa die Errungenschaften der Hamas aus der Gilat-Shalit-Affäre, die ja nun nach der Entführung der israelischen Jugendlichen auch wieder verspielt waren. Da hatte der militärische Flügel fünf Jahre lang harsch verhandelt…

ZEIT ONLINE: …um die Freilassung von mehr als 1.000 palästinensischen Gefangenen zu erreichen.

Shikaki: Ja, und dann haben die Israelis in nur einer Nacht all das wieder zunichte gemacht, indem sie diese Leute wieder ins Gefängnis steckten. Das war zweifellos ein riesiger Schlag für den militärischen Flügel der Hamas. Mit seiner Konfrontation gegen Israel hat er das innenpolitische Machtgefüge nun wieder zugunsten der Hamas verändert.   

ZEIT ONLINE: Offiziell gibt es seit Juni eine Einheitsregierung, die Präsident Mahmud Abbas nun auch die Rolle des obersten Machthabers über Gaza verleiht.

Shikaki: Ja, jetzt dürfen Abbas und die Autonomiebehörde erstmals wieder bei den Angelegenheiten in Gaza mitreden. Man darf aber bezweifeln, dass dies alle bei der Hamas befürwortet haben. Bei der allgemeinen Bevölkerung hingegen kam diese Regierung gut an, eine so positive Stimmung wie im Juni hatten wir bei unseren Umfragen lange nicht verzeichnet. Zum ersten Mal gab es wieder Hoffnung. Die Öffentlichkeit unterstützte die Einheitsregierung und war zugleich aber auch solide in ihrer Zustimmung für eine Zwei-Staaten-Lösung und für erneute Verhandlungen mit Israel.

ZEIT ONLINE: Die Einheitsregierung wiederum war von Israel wegen der Beteiligung der Hamas abgelehnt worden. Welche Rolle kann denn Abbas jetzt spielen?

Shikaki: Das wird vom Ausgang des Krieges abhängen; davon, wer als Gewinner und Verlierer hervorgehen wird. Hamas will die Israelis so lange mit ihren Waffen treffen, bis sie ihren Forderungen zustimmen. Abbas' Ausgangspunkt lautet: Ich bin jetzt der Präsident von Westjordanland und Gaza, ich bin besorgt über das Blutvergießen dort, ich will eine sofortige Waffenruhe. Dann reden wir über alles andere. Es ist die erste Auseinandersetzung zwischen Hamas und Israel, in der er sich als Mitspieler positioniert. Denn jedes Mal, wenn er sich nicht eingemischt hat, war er am Ende der Verlierer. Er will nun der Ansprechpartner sein für Israel, für Ägypten, die internationale Gemeinschaft, für was immer dann bei einem künftigen Deal herauskommt. Damit nicht die Hamas für ihre Taten eine Belohnung einstreicht. Seine Popularität ist in Gaza wie im Westjordanland derzeit im Keller. Er kann aber eine Rolle spielen in jeder Nachkriegsordnung.