Am Mittwochnachmittag hat sie es wieder getan. Angela Merkel griff zum Telefon, redete auf Wladimir Putin ein und versuchte, ihm klar zu machen, dass es so nicht weitergehen kann – die Ukraine, die Grenze, der Wahnsinn. Der russische Präsident hörte zu. Was er genau erwiderte, wissen nur die beiden. Aber nach dem Telefonat passierte das Gegenteil vom dem, was Merkel wollte.

Russische Panzer rücken auf ukrainischem Boden vor. Sie haben südlich von Donezk und Lugansk eine neue Front eröffnet und drängen die ukrainische Armee zurück. Wenn das so weitergeht, und danach sieht es derzeit aus, erobert Putin sich an der Küste entlang einen Zugang zur Krim über das ukrainische Festland.

Das klingt so beunruhigend, dass man es als Beobachter aus Deutschland kaum glauben mag. "Jetzt wirklich Krieg, ja?", fragte eine Kollegin, gerade aus dem Urlaub zurück, verwundert.

Man muss die Dinge also erst beim Namen nennen, bevor man nach Erklärungen sucht: Ja, in Europa tobt ein Krieg, ein verlogener, tödlicher, hässlicher, echter Krieg.

Was vor neun Monaten als friedliche Demonstration auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew begann, ist inzwischen zu einer direkten militärischen Auseinandersetzung zwischen den einstigen Bruderstaaten Russland und Ukraine ausgeartet. Die Russen kommen nicht erst, sie sind schon da. Das größte Land der Welt, mit dem zweitgrößten Bestand an Nuklearwaffen ist in seinen Nachbarstaat einmarschiert. Mehrere Tausend Menschen starben bisher, jeden Tag kommen Dutzende weitere dazu. Wer das immer noch nicht als Russland-Ukraine-Krieg bezeichnet, fällt auf russische PR-Lügen rein.

Selbst der Anführer der Separatisten spricht mittlerweile von 3.000 bis 4.000 russischen Kämpfern, die seine Armee unterstützen. Während diese russischen Soldaten im Donbas kämpfen, behauptet die russische Regierung das Gegenteil. Am vergangenen Dienstag trat Putin in Minsk bei Friedensgesprächen auf, schüttelte dem ukrainischen Präsidenten die Hand und verneinte konsequent weitere Annexionspläne. Sein Außenminister Lawrow sagte, Russland sei "nicht daran interessiert, den ukrainischen Staat zu zerstören". Fast zeitglich landeten russische Fallschirmjäger mehrere Kilometer hinter der russisch-ukrainischen Grenze, "aus Versehen".

Sie sei nicht sicher, ob Putin noch "Kontakt zur Realität" habe, hatte Angela Merkel nach einem anderen Telefonat mit Putin gesagt. Das war schon Anfang März, vor fünf Monaten. Aber um die aktuelle Eskalation zu verstehen, hilft es, an die Geschehnisse der Vergangenheit zu erinnern. Damals spielte sich der Russland-Ukraine-Krieg noch auf der Krim ab: Erst besetzten russische Soldaten ohne Erkennungsabzeichen Regional-Parlament, Flughäfen, TV-Sender und Kasernen auf der Insel. Putin behauptete, Russland habe mit diesen Männern in grüner Uniform nichts zu tun. Aber nachdem die ukrainische Armee die Annektierung der Insel ohne Gegenwehr geschehen ließ, flog die Lüge auch offiziell auf. Die unbekannten grünen Männer wurden zu russischen Soldaten, die Putin dafür lobte, dass sie die Krim zurück nach Russland geholt hatten.

Das eine sagen, das andere tun. Das ist Putins Masche. Der gesamte Ukraine-Konflikt läuft seit Monaten nach diesem Muster ab. Mit einer vom Kreml perfektionierten verdeckten Form der Kriegsführung gelingt es Russland, die Ukraine zu destabilisieren, den Konflikt in die Länge zu ziehen, Stück für Stück eigene Kriegserfolge zu erzielen und dennoch noch nicht einmal von Krieg zu sprechen. Am Beispiel: Putin behauptet, Lkw-Konvois zur Hilfe schicken zu wollen und lässt russische Panzer in die Ukraine rollen. 

Die Frage nach dem Wieso ist dabei leicht zu beantworten: weil er es kann. Putin hat seit seiner Wahl zum Ministerpräsidenten vor 15 Jahren alle Macht im russischen Staat auf sich vereint. Er regiert ohne juristisches, mediales oder politisches Korrektiv.