40 Millionen Kurden gibt es – es ist das größte Volk der Erde ohne einen eigenen Staat. Doch das wird sich ändern: Durch die unentschiedene Politik in Bagdad, den Krieg in Syrien und den Einmarsch der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) in Syrien und dem Irak ist die Gründung eines unabhängigen Kurdistans im heutigen Irak nur eine Frage der Zeit. Ein solcher Staat würde die Region stabilisieren und auch einen Bürgerkrieg im Irak zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden verhindern.

Der Irak existiert schon seit einigen Jahren nicht mehr. Er ist eine Illusion, an der sich der Westen festhält, weil er noch in den alten Schemata der nationalen Integrität denkt und davon ausgeht, dass Veränderungen zu unberechenbaren Krisen führen. Der Irak war und ist auch nie wirklich sicher gewesen, weder für den Westen noch für die Bürger des Landes. Die schiitisch geprägte Regierung Malikis hat durch ihre Politik der Abspaltung und Unterdrückung der Sunniten das Land an den Abgrund gebracht. Sie ist weder fähig noch willens, das Morden von IS zu beenden und die Bürger des Iraks gegen den Terror zu schützen.

Das Vertrauen der Kurden, Sunniten und Schiiten ist schon lange passé. Ein neuer Versuch, eine "nationale Einheit" zu beschwören, wird keinen Erfolg haben, weil es keine irakische Nation gibt, mit der sich die Ethnien identifizieren würden. Ein einst künstlicher Staat wurde von den Alliierten des Ersten Weltkriegs verfestigt. Seine zahlreichen Ethnien und Religionen haben jedoch nie eine nationale Identität entwickelt. Eine sunnitische Minderheit unter der Führung der Baathisten unterdrückte mit ihrer Vision eines arabischen Nationalismus Kurden, Schiiten und andere Gruppen. Eine tiefe Zerrissenheit und Misstrauen, eine noch nicht verarbeitete transgenerationale Traumatisierung der Völker beherrscht weiterhin den Irak.

Aus der Sicht des Westens war der Irak als Staat sicherlich bis 2003 noch stabil, wie eben Libyen oder Ägypten. Unter der Diktatur des Saddam-Regimes hat es aber in dieser Zeit alle Formen von Menschenrechtsverletzungen gegeben, von Haft, Folter, Vergewaltigung, Massaker und Vertreibung bis zum Genozid, man denke an die Giftgasangriffe gegen die Kurden 1988 in Halabja.

Ich gehe so weit und behaupte, dass durch die Aufrechterhaltung dieses eigentlich nicht mehr existierenden Staates Irak die Region destabilisiert würde. Dieses Vakuum der Paralysierung im Irak ermöglicht es den Terrorgruppen, in das Land einzudringen und Angst und Schrecken im ganzen Mittleren Osten zu verbreiten. Von welcher Stabilität ist hier also die Rede?

Ich frage mich, woher der Gedanke kommt, ein unabhängiges Kurdistan destabilisiere die Region. Der Krieg in Syrien und das Festhalten am Assad-Regime mit der Intention, Syrien stabil zu halten, haben Tausende Menschen das Leben gekostet. Ist das Stabilität?