Kampfflugzeuge über Tripolis haben in den vergangenen Tagen für Aufsehen in Libyen gesorgt. Nun sind die Verantwortlichen offensichtlich identifiziert: Nach Angaben der New York Times stecken Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate hinter den Angriffen auf Stellungen der islamistischen Fajr-Libya-Brigaden. Die Zeitung beruft sich auf vier Mitarbeiter der US-Regierung.

Zweimal hätten demnach Flugzeuge in der vergangenen Woche Stellungen der Islamisten mit Raketen beschossen – ohne dass die USA Kenntnis davon hatten. Für die US-Regierung kommt dieser Vorstoß überraschend: Ägypten und die Emirate gelten als enge Verbündete. In diesem Fall jedoch sei die Obama-Regierung weder informiert noch um ihre Zustimmung gebeten worden, heißt es in dem Bericht weiter.    

Die Regierung in Kairo hat bislang dementiert, in die Angriffe involviert gewesen zu sein. Die Emirate gaben gar keine Stellungnahme ab. Bei den Angriffen in der libyschen Hauptstadt waren 15 Kämpfer getötet und mehr als 30 verletzt worden. Die Attackierten drohten am Wochenende auf einer Pressekonferenz mit Vergeltung und sagten, sie vermuteten Ägypten und die Emirate hinter den Angriffen, da Libyens Luftwaffe über keine Maschinen verfüge, die nachts Operationen mit lasergesteuerten Raketen ausführen können.

USA verärgert über arabischen Alleingang

US-Diplomaten sind den Angaben der New York Times zufolge überrascht und verärgert über den Vorstoß der arabischen Länder. Ein direktes Eingreifen könne die Kämpfe ihrer Meinung nach verschärfen – und das in einer Zeit, in der die Vereinten Nationen und westliche Staaten an einer friedlichen Lösung arbeiteten, zitiert die Zeitung aus der US-Regierung.  

Offiziell hat Ägypten bereits mehrfach vor einem Übergreifen der Gewalt gewarnt. "Wir weisen seit Langem auf die Auswirkungen der Situation in Libyen auf die Sicherheit in den Nachbarländern hin", sagte Außenminister Sameh Schukri am Montag in Kairo bei einem Treffen mit seinen Amtskollegen aus Libyen und dessen fünf weiteren Nachbarstaaten. Die Terrorgruppen in Libyen beschränkten ihre Aktionen nicht mehr auf das Land selbst, sondern verletzten durch Waffen- und Menschenhandel auch Grenzen. Dies bedrohe die Souveränität und Stabilität der Nachbarstaaten.

Der ägyptische Außenminister warnte zugleich, dass die Situation in Libyen auch Auswirkungen auf die Interessen von Ländern außerhalb der Region haben könnte. Dies könne zu "verschiedenen Formen der Intervention" führen, was zu vermeiden sei. Schukri rief seine Amtskollegen auf, einem ägyptischen Vorschlag zuzustimmen, der auf die Stärkung des libyschen Staates und die Entwaffnung der Milizen zielt.

Libyen hat fortan zwei rivalisierende Regierungen

Libyen kommt seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 nicht zur Ruhe, vielmehr droht das Land politisch im Chaos zu versinken: Das bisherige Parlament in Tripolis entließ am Montag nach Angaben eines Abgeordneten und Berichten von Fernsehsendern die Regierung und setzte eine neue ein. Damit hat das Land derzeit zwei rivalisierende Parlamente und Regierungen.

Eigentlich wurde der von Islamisten dominierte Nationalkongress im Juni von einem neu gewählten Parlament abgelöst. Dieses hält jedoch aus Sicherheitsgründen seine Sitzungen seit August im ostlibyschen Tobruk ab. Der libysche Fernsehsender Alharar und ein Abgeordneter berichteten nun, der Nationalkongress sei in Tripolis neu zusammengerufen worden und habe einstimmig eine Regierung der nationalen Rettung unter Omar al-Hassi, einem Universitätsprofessor, eingesetzt. Nach Angaben der libyschen Nachrichtenseite Al-Wasat nahmen 70 der ehemals 200 Mitglieder des Nationalkongresses an der Sitzung teil.  

Islamisten zünden Häuser in Wohngebieten an

Zeitgleich haben die Islamisten des Bündnisses Fajr Libya in Tripolis Wohngebiete westlich der Stadt attackiert. Sie würden Häuser anzünden und deren Bewohner vertreiben, berichtete Al-Wasat unter Berufung auf Augenzeugen. In den betroffenen Vororten leben Unterstützer des abtrünnigen Armeegenerals Chalifa Haftar. Dessen nationalistisch geprägte Miliz geht seit Wochen in der sogenannten Operation Würde gegen verschiedene Islamistengruppen im Land vor. 

Libyen zerfällt so immer mehr in ein unübersichtliches Kampfgebiet von Dschihadisten, Teilen der Armee sowie Rebellenbrigaden und abtrünnigen Armeeeinheiten.